Nicht zuletzt als ehemaliges FDP-Mitglied kann ich der organisationshistorischen These Pretzells durchaus was abgewinnen.
Davon aber abgesehen: Wählerwanderungsgrafiken wie diese werden regelmäßig als Beweis für allerhand verschiedene Thesen herangezogen. Dabei wird in 99% der Fälle (auch hier) außer Acht gelassen, wie sie überhaupt berechnet werden. Die Methodik misst nämlich Nettoströme, keine tatsächlichen Individualbewegungen.
Ob also FDP-Wähler direkt zur AfD gingen oder ob eher Wähler anderer Parteien zur AfD gingen, während FDP-Wähler sich auf diese Parteien verteilten, weiß man nicht. Denn die Handvoll Exit Polls reichen bei weitem nicht aus, um dazu fundierte Thesen aufzustellen.
Das Ergebnis solcher Berechnung ist jedenfalls zu großen Teilen ein Artefakt der Berechnungsmethode selbst. Und dieses weit verbreitete Missverständnis hat reale Konsequenzen, weil solche Grafiken regelmäßig als Grundlage für strategische Entscheidungen von Parteien herhalten müssen – obwohl keine Sekunde darin verschwendet wird, zu hinterfragen, ob die Zahlen überhaupt plausibel sind (siehe: angeblich 340.000 ehemalige Linke-Wähler, die auf einmal eine euroskeptische, schon dem Erscheinungsbild & der Biographie der maßgeblichen Akteure nach konservative Professorenpartei wählten).
Einer geht noch.
Setzen Sie das mal ins Verhältnis zu den Parteigrößen bei der BTW09. Im Verhältnis zum Stimmenanteil verloren FDP und Linkspartei ähnlich viele Wähler und mit Abstand am meisten. Danach kamen Union, SPD und Grüne mit weitem Abstand zu den beiden Vorgenannten fast gleichauf.