Der Skandal, den niemand Skandal nennt
Eine Million Mal im Jahr wird in Deutschland ein gesundes Körperteil herausgeschnitten, nicht weil es krank ist, sondern weil es im Weg liegt. Kein Schmerz, keine Entzündung, kein auffälliger Befund. „Kein Platz”, sagt der Zahnarzt, greift zur Zange, und der Patient nickt, ohne nachzufragen. Dabei läge die entscheidende Frage offen auf dem Tisch: Warum soll ein Zahn keinen Platz haben, den die Evolution dem Menschen seit Jahrmillionen mitgibt? Bei einem Einzelnen wäre das Pech, bei vier von fünf ist es ein Muster. Und Muster lügen nicht.
Der Denkfehler steckt nicht im Knochen, sondern in der Funktion
Hier kippt die ganze Geschichte, denn der Kiefer ist kein Schicksal aus Stein. Er wird geformt, Tag für Tag, Schluck für Schluck: Wer durch die Nase atmet, hält den Mund geschlossen, die Zunge presst tausendfach täglich gegen den Gaumen, und genau dieser Druck treibt ihn in die Breite. Fällt er weg — der Mund offen, die Zunge unten —, bleibt der Gaumen schmal und steil wie ein gotischer Bogen, die Zähne drängeln, und hinten hat der Weisheitszahn das Nachsehen. Der Platz fehlt also nicht, weil der Zahn zu groß wäre. Er fehlt, weil die Funktion ihn nie geschaffen hat.
Und jetzt wird es unbequem. Die Kieferorthopädie schraubt, spangt und korrigiert für Tausende von Euro, doch sobald die Zähne zurückwandern, ist plötzlich der Körper schuld. Oder die Gene. Dabei war der Rückfall von Anfang an eingebaut, solange Zunge und Muskeln gegen die Korrektur arbeiten. Behandelt wird die Folge, während die Ursache unangetastet bleibt. Ein gutes Geschäftsmodell ist das allemal.
Sie werfen einen Jungbrunnen in den Müll
Jetzt wird es richtig grotesk. In genau diesen Zähnen, die millionenfach im Klinikmüll landen, sitzt etwas, für das die halbe Longevity-Industrie Gold geben würde: Stammzellen, die nach Angaben der Forschung biologisch kaum altern und aus denen sich Nerven- und Knochengewebe gewinnen ließe. Es gibt bereits Firmen, die extrahierte Zähne einfrieren, für den Tag, an dem die Medizin begreift, was sie da wegschneidet.
Man lasse sich das in Ruhe auf der Zunge zergehen. Während Milliardäre Millionen in Anti-Aging pumpen, kippt der Rest der Bevölkerung sein körpereigenes Zelldepot in den Abfalleimer. Vorsorglich. Wegen eines Platzproblems, das in Wahrheit ein Funktionsproblem war.
Erst überflüssig, dann unverzichtbar, immer dasselbe Spiel
Das ist kein Ausrutscher, sondern Methode mit Tradition. In den Sechzigern flogen die Mandeln am Fließband heraus, bis man begriff, dass sie zur ersten Abwehrlinie des Immunsystems gehören. Der Blinddarm galt jahrzehntelang als nutzloser Rest der Evolution und wurde erst spät als Reservoir der Darmflora rehabilitiert. Immer läuft dasselbe Drehbuch: Was die Medizin nicht versteht, erklärt sie für überflüssig, und was überflüssig ist, darf raus.
Das ist keine Wissenschaft, das ist eine Haltung, und sie lautet: Was ich nicht begreife, kann nicht wichtig sein. Mit erstaunlicher Verlässlichkeit irrt sie. Nur fällt das jedes Mal erst auf, wenn das Organ längst auf dem Müll liegt.
Vielleicht war die wahre Frage nie, ob der Zahn noch hineinpasst, sondern wie ein System tickt, das mit derselben Selbstsicherheit herausschneidet, was es morgen vermissen wird. Bleibt nur die Entscheidung, ob man Teil dieses Systems sein will oder eine Frage stellt, bevor die Zange kommt.
Ich habe meine vier übrigens noch. Nicht aus Sturheit - weil ich gefragt habe.
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