Carmen am Teatro Real.
Madrid, 13. Dezember 2025
Don José überzeugte mich zunächst nicht. Allzu rasch erkannte er Micaëla — als hätte die lange und gefährliche Reise einer alleinstehenden Frau keinerlei Gewicht — und ebenso rasch sprach er die Worte „meine Mutter“, mit jenem zerstreuten Tonfall, den man sonst für Dinge reserviert, die man beinahe vergessen hätte: Wäsche, Termine, Pflichten.
Dann dieses herrlich irritierende Detail mit den Verhaftungspapieren: Don José sitzt da und tippt sie, hält sie in den Händen — und doch betritt sein Vorgesetzter den Raum und verkündet mit unerschütterlicher Selbstverständlichkeit: „Hier sind die Papiere.“ Autorität erscheint, benennt sich selbst, und die Wirklichkeit fügt sich. Es ist ein Moment von trockener Absurdität, der unweigerlich an Kafka erinnert — an die Barnabas-Brüder in Das Schloss, die sich als K.s Assistenten ausgeben, obwohl er ihnen nie zuvor begegnet ist. Autorität ohne Ursprung, Verantwortung ohne Handlung.
Und doch — es wuchs.
José wuchs.
Und am Ende brachte er mich zum Weinen.
Die Kartenlegerin mit den lockigen blonden Haaren — Frasquita (oder vielleicht Mercedes) — war eine kleine Offenbarung. In ihr lag eine ungehemmte Lebenslust, eine fast kindliche Freude am Dasein, die stellenweise sogar stärker wirkte als Carmens eigene: leichter, freier, weniger von Tragik beschwert.
Auffällig und klug gesetzt waren Micaëlas Brille und Escamillos Hose — scheinbar beiläufige Details, die den Figuren eine unerwartete Gegenwärtigkeit verliehen. Und wenn Micaëla mit gezogener Waffe aus dem Gebäude springt, bietet das zunächst einen Moment einfacher Unterhaltung. Doch nur oberflächlich. Darunter liegt eine existenzielle Wahrheit: eine Frau, die unter höchst unwahrscheinlichen Bedingungen um ihr Leben kämpft, Mut, der leicht als Naivität missverstanden wird.
Und dann noch diese Kleinigkeit: Don José trägt am Ende sogar eine Krawatte — der Bandit als Kleinbürger.
Wahrscheinlich meine letzte Carmen in diesem Jahr — nach Prag im Januar, Lausanne im Frühling sowie London und Würzburg im Sommer.
Kein Wunder, dass Carmen Nietzsches Lieblingsoper war.
Was für ein Werk.
Muchas gracias. 💃