Die vergangene Woche sollte wirklich jeden Menschen nachdenklich machen, ob die heilige Erinnerungskultur an NS- und Holocaustopfer im Jahr 2026 nicht vollständig pervertiert ist, ein massives Glaubwürdigkeitsproblem hat und zur reinen Selbstdarstellungsposse verkommen ist.
Zuerst wurde bekannt, dass Mario Voigts Gedenkrede im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald vollständig KI-generiert war. Voigt, CDU-Ministerpräsident in Thüringen, dessen Partei bei jeder Gelegenheit mantrahaft betont, wie wichtig ihr das Gedenken an die ermordeten Juden ist, formulierte im Nachgang nicht mal ein Dementi, sondern nur Durchhalteparolen: Behörden nutzten eben KI, im Jahr 2026, bla bla bla. Konsequenzen blieben aus, ein Rücktritt ebenso. Aber ich will festhalten: Da hat sich ein CDU-Landesvater eine Rede für sein heiligstes Anliegen und tote Menschen von einer Maschine tackern lassen.
Wenige Tage später wurde bekannt, dass Stephan-Andreas Casdorff beim »Tagesspiegel« gegangen wurde, weil er Meinungstexte mit KI erstellt hatte. Casdorff ist nicht irgendwer, sondern ein publizistisches Schwergewicht, ehemaliger Chefredakteur und Kuratoriumsvorsitzender des »Deutschen Freundeskreises Yad Vashem«, der erst kürzlich in einem Kommentar für ein Bildungszentrum im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland geworben hatte. Welche Texte beim »Tagesspiegel« genau den Ausschlag für die Trennung gaben, bleibt offen, aber würde mich doch sehr interessieren. Und auch bei Casdorff stellte sich bei mir beim Lesen der Nachricht schon wieder direkt ein Unbehagen ein, weil es bedeuten könnte, dass moralische Überhöhung in geschichtspolitischen Kommentaren auf slop-verdächtige KI-Inhalte trifft, was nicht nur unglaubwürdig ist, sondern auch unverschämt.
Die Fälle von Voigt und Casdorff folgen auf die Affäre um den Antisemitismusbeauftragten in Brandenburg Andreas Büttner, dessen Haus angezündet und mit »Hamas-Dreiecken« markiert wurde – allerdings nicht von radikalen Muslimen, sondern von Geschäftspartnern, die ihr ganzes Leben in der politischen Bildungsarbeit und im NGO-Komplex aktiv waren. Und die nach der Tat in Chatnachrichten darüber spekuliert haben, was es bedeuten würde, wenn der Antisemitismus-Czar Büttner bekannter würde. Opfer von antisemitisch motivierter Gewalt zu werden bedeutet in der Logik der Attentäter also einen Zuwachs an Bekanntheit, die sich aus Betroffenheit speist und hinter der immer die Frage steht: Wer ist der Primus, wenn es um Gedenken und real erfahrene Gewalt geht? Es ist, so hart muss ich es leider sagen, die schuldkultig-bundesrepublikanische Variante einer Opferolympiade, die gerade liberalkonservative Stimmen gerne (zurecht) bei progressiven Woken kritisieren.
Die Fälle Voigt und Casdorff sind für mich deshalb auch keine »KI-Skandale« – und der von Büttner natürlich kein Fall von Antisemitismus, sondern vielmehr einer von Anti-Antisemitismus. Sie offenbaren in ihrer Gesamtheit den Verlust von Anstand und Kredibilität von denjenigen, die sich »Kampf gegen Antisemitismus« immer wieder wie ein Abzeichen ans Revers heften. Nebenbei leisten sie dem Kampf gegen Antisemitismus einen Bärendienst, weil sie zurecht den Verdacht nähren, dass in bastardmodernen Zeiten der Kampf gegen Judenhass und das ritualisierte Gedenken sich verselbstständigt haben und nur noch eine Fassade sind, hinter der sich jeder Otto an einer Art erinnerungskulturellen Weltmeisterschaft beteiligt, bei der jeder den anderen an Betroffenheit und Reichweite überbieten will, sich aber nicht mal mehr Mühe für eigene Reden oder Kommentare macht. In Wahrheit lechzen Publizisten, Politiker, NGO-Geschäftsleute nach Sprecherposition und Sichtbarkeit, und nutzen NS-Regime und deutsche Geschichte für jeden Funken Anerkennung im immer währenden Kampf, womit sie übrigens auch jedes echte, intime Gedenken, jeden persönlichen Anstand und jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit (die es braucht) torpedieren.
Parallel fotografiert sich Hendrik Wüst in Auschwitz für Social-Media-Content. Ein grüner Lokalpolitiker schmiert sich Hakenkreuze auf sein Auto, um einen rechten Anschlag zu fingieren. Heiko Maas setzt sich eine Kippa auf den Kopf und hält ein »Nie Wieder«-Schild hoch. CDU-Politiker wie Barbara Ermes putzen Stolpersteine, nachdem Muslime Juden in Amsterdam im Rahmen eines Fußballspiels gejagt haben. Man kann ewig so weitermachen, aber das ist doch alles nur noch Affentheater?
Ich wiederhole, was ich bereits vor geraumer Zeit schrieb und was mir seinerzeit viel Kritik einbrachte: Der ritualisierte und bedeutungsschwangere Wettstreit, wer der beste Gedenkdeutsche ist, der hoffentlich sein Familienarchiv brav in der »SPIEGEL«-Datenbank rekonstruiert ist, um zu erfahren, wie viele Urgroßväter in welchen Nazi-Divisionen waren, hat längst etwas völlig krankhaftes und zivilreligiöses. Es ist ein Kult, der inzwischen darin mündet, dass es solche Grotesken wie KI-Buchenwald-Reden oder Hamas-Dreieck aus Social-Media-Maxxing-Kalkül geben kann. Und ich habe, wie man so schön sagt, kein »skin in the game«, aber als Hinterbliebener wäre es mir deutlich lieber, man würde meinen Vorfahren gar nicht gedenken, seinen Mund halten und ehrlich sein – anstatt meine Vorfahren als Verfügungsmasse für Social-Media-Larp, politische Karriere, ein KZ-Selfie und eine KI-Rede zu nutzen. Das hat wirklich niemand verdient.