Timmy ist der neue Goethe: Alles ist Blatt wird zu alles ist Wal.
Der Wal ist wohl tot - es lebe der Wal!
Diese Geschichte ist das perfekte Symbol für den Zustand dieses Landes: Deutschlands aussichtsloser Kampf gegen die Realität. Es hatte etwas Tiefenpsychologisches: Ein gestrandeter Wal. Könnte es eine bessere symbolische Manifestation für Deutschland geben? Das einstige "Powerhouse" Europas, stagnierend auf einer Sandbank aufgelaufen. Der Wal als Ausdruck des kollektiven Unterbewusstseins dieses Landes.
Die wochenlangen Emotionen, das aufgeregte Stimmenmeer: Man kann doch das Tier nicht einfach sterben lassen! Es leidet, das sieht man doch! Die Zweifler: Kam der Wal möglicherweise einfach zum Sterben ans Ufer? Wollte er nicht mehr leben? War hier die Weisheit der Natur am Werk? Der Lauf der Dinge, dem man sich in Demut fügen sollte? Oder ein herzzerreißendes, völlig unnötiges Schicksal einer Tierseele, die nun ganz allein in Deutschlands Hand liegt? Haben wir die moralische Pflicht, zu handeln? Können wir den Wal retten? Wütende Vorwürfe, der Wal sei bereits zu Forschungszwecken an das Meeresmuseum "verscherbelt" worden, er werde unmoralischen Nutzenkalkülen unterworfen. Vereinzelte Rufe von gottlosen Ketzern nach "Räucherwal". Andere vereinzelte Rufer, man sollte endlich "eine Bombe auf das arme Tier werfen", um es von seinem unsäglichen Leid zu erlösen.
Die Tierfreunde jedoch gaben nicht auf: Es musste doch irgendeine Lösung geben! Es kann nicht sein, es darf nicht sein, dass ein Wal auf einer deutschen Sandbank einfach so elendig verreckt! Zwar sterben wir alle, so auch Wale - aber wenn, dann doch bitte nicht so! Wenn, dann „human" (oder walisch?), bei seinen Artgenossen im offenen Meer.
Dann die millionenschwere Rettungsaktion: Deutschlands große Heldenreise. Wir stehen zusammen, wir schaffen das - diesmal wirklich. Das große Aufatmen: Es ist vollbracht!
Der ekstatische Freudentaumel, die Jubelschreie der Helfer, als das Tier ganz von alleine in die Barge schwimmt. Seht ihr, Timmy will leben! Alle Zweifler hatten unrecht. Nun wird er zu einer Buckelwal-Familie gebracht, alles wird gut. Es lohnt sich also immer, zu kämpfen! Bis zum letzten Wal! Endlich einmal gute Nachrichten in einer nicht enden wollenden Kakophonie aus wirtschaftlichem Niedergang, blamablem Politpersonal und Trübsal. Wir können doch noch was, und wir haben es der ganzen Welt gezeigt!
Dann die ernüchternde Nachricht: Der Wal ist „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ tot. Nach der kollektiven Ekstase, den Freudentränen, dem "Bacon of Hope", wie Annalena sagen würde: Der harte Aufschlag in der Realität. Diese Aktion hätte nie stattfinden dürfen, sagen nun die Experten. Deutschlands Heldenreise wurde wieder auf ihren Anfang zurückgeworfen: War der Wal tatsächlich nur zum Sterben ans Ufer gekommen? War alles umsonst? Oder war es trotzdem richtig, um "ein Zeichen zu setzen"? Ein letzter Akt der Fürsorge für ein sterbendes Tier? Macht es uns nicht erst zu Menschen, wenn uns sogar ein sterbendes Tier nicht egal ist? Weil es einfach richtig ist, das Richtige zu tun? Und der Welt zu zeigen, dass in Deutschland sogar ein gestrandeter Wal nicht alleine zurückgelassen wird? Weil es um höhere Ziele geht, die richtige moralische Haltung? Oder war es Deutschlands aussichtsloser Kampf gegen die Realität, gegen den Lauf der Dinge, der uns schon so oft zum Gespött der Welt gemacht hat?
Ich habe kein lyrisches Talent und keine Zeit, aber irgendjemand sollte unbedingt ein Theaterstück aus dieser Geschichte machen. Sie ist absolut großartig.
Der Wal ist tot - es lebe der Wal!