Liessmanns Rede hat zwei weitere Stränge, die ich für wichtig halte.
Der erste: Wer mit „Schere im Kopf" forscht – also mit dem internalisierten Druck, keine unbequemen Fragen zu stellen – produziert angepasste Forschung. Wenig Anstößiges. Kaum Außergewöhnliches. Max Webers Ideal, Wissenschaft von Werturteilen freizuhalten, ist laut Liessmann kein erreichbares Ziel. Aber es ist ein verteidigenswürdiges. Der Druck auf Wissenschaftler, gleichzeitig Aktivisten zu sein, verschiebt das Gleichgewicht: Aktivismus braucht Gewissheit, braucht eine Sache, hinter der man steht. Wissenschaft braucht das Gegenteil: die offene Möglichkeit, dass die eigene These falsch ist. Beides gleichzeitig ist ein Widerspruch in der Grundhaltung.
Der zweite Strang: Alexander Bogners Begriff der Epistemokratie. Politik, die sich als bloße Vollstreckerin des wissenschaftlichen Konsenses versteht, produziert keine größere Vernunft, sondern eine neue Form der Alternativlosigkeit. Und die provoziert als Reaktion genau das, was sie verhindern will.
Liessmanns Schluss bringt es auf den Punkt: „Wissenschaftsfreiheit bedeutet sowohl eine Freiheit von der Politik als auch eine Politik der Freiheit."
FAZ, 12.06.2026.