Deutschland sucht Gründer.
Und bezahlt Manager fürs Aufhören.
Warum in Deutschland niemand mehr gründet?
Weil Aufhören besser bezahlt wird als Anfangen.
Gerade mit einem Kollegen aus einem Konzern gesprochen (ca. 20.000 MA).
Oberes Mittelmanagement.
Nicht Vorstand, nicht C-Level.
Abfindung im mittleren sechsstelligen Bereich.
Jahresgehalt weit über 150.000 Euro.
Dazu Bonus, Dienstwagen, Betriebsrente, 30 Tage Urlaub und ein Betriebsrat, der jede Kündigung zum Verhandlungsmarathon macht.
Die Faustformel sagt: ein halbes bis ganzes Bruttomonatsgehalt pro Beschäftigungsjahr.
Nach 20 Jahren Konzern wird daraus schnell ein kleines Vermögen. Und in der Praxis liegt der Faktor oft deutlich höher.
Zum Vergleich:
Wir haben uns als Gründer seit zweieinhalb Jahren keinen einzigen Cent ausgezahlt. Laut Creandum Founder Compensation Report liegt der europäische Median für bootstrapped Gründer bei 30.000 Euro im Jahr. Weniger als ein Berufseinsteiger im Konzern.
Kein Bonus.
Kein Dienstwagen.
Kein Netz, kein doppelter Boden.
Von den fehlenden Urlaubstagen und den Arbeitszeiten, die kein Arbeitsgericht durchwinken würde, fange ich gar nicht erst an.
Dafür Haftung mit allem, was wir haben.
Und ja, ich weiß:
Gründer bauen Firmenwert auf.
Theoretisch.
Laut IfM Bonn überlebt nicht einmal jedes zweite Unternehmen die ersten fünf Jahre.
Nach fünf Jahren sind es nur noch 38 Prozent.
Die Equity ist eine Wette.
Die Abfindung ist garantiert.
Und wer als Gründer Investoren sucht, wird gefragt, warum er sich überhaupt ein Gehalt zahlt.
Im Konzern fragt niemand, warum die Abfindung sechsstellig ist.
Das System belohnt Sicherheit, nicht Risiko.
Es belohnt Größe, nicht Mut.
Deutschland investiert laut KfW 0,25 Prozent seines BIP in Wagniskapital.
Die USA das Dreifache.
Der deutsche VC-Markt stagniert bei 7,2 Milliarden Euro, während allein US-Investitionen in KI-Startups 2025 um 85 Prozent auf 211 Milliarden Dollar gestiegen sind.
Deutschland hat 29 Unicorns.
Die USA über 700.
Pro Kopf nicht einmal ein Fünftel.
Das ist kein Rückstand. Das ist eine andere Liga.
2025 gab es in Deutschland so viele Startup-Gründungen wie nie. 3.568 neue Unternehmen, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Der Wille ist da.
Was fehlt, sind die Bedingungen.
Statt Wagniskapital diskutiert die Politik über Subventionen für Großkonzerne, über Abwrackprämien und über Abgabenerhöhung.
Über alles, was das Bestehende konserviert.
Über nichts, was Neues ermöglicht.
2024 haben 270.000 Deutsche das Land verlassen.
Zwei Drittel davon unter 40, drei Viertel mit Hochschulabschluss. Fast jeder zweite Freelancer denkt laut aktuellem Freelancer-Kompass über Auswanderung nach.
38 Prozent nennen steuerliche Vorteile im Ausland als Grund. Nicht weil sie müssen. Weil die Bedingungen woanders besser sind.
Und wer trotzdem bleibt, arbeitet unter dem Damoklesschwert der Scheinselbstständigkeit.
66 Prozent der Freelancer nennen sie laut Freelancer-Kompass als eine der größten Herausforderungen.
Das Prinzip: Du gründest, du baust auf, du trägst das volle Risiko – und die Deutsche Rentenversicherung prüft im Nachhinein, ob du eigentlich doch ein Angestellter bist.
Nicht du entscheidest über deinen Status.
Eine Behörde tut es.
Rückwirkend.
Mit Nachzahlungen, die Existenzen vernichten.
Die Ironie dabei: Dieselbe Rentenversicherung, die über den Fachkräftemangel klagt, treibt Selbstständige systematisch ins Ausland.
Nicht mit schlechten Leistungen.
Mit Rechtsunsicherheit.
Unternehmen stornieren Aufträge an Freelancer, weil das Risiko einer Statusfeststellung zu groß ist.
Die Projekte gehen ins Ausland.
Das Know-how gleich mit.
Selbst die erfolgreichsten deutschen Gründer bestätigen es:
In einer Bitkom-Befragung unter Unicorn-Gründern fordern 79 Prozent Bürokratieabbau als wichtigste Maßnahme.
Nicht mehr Subventionen.
Nicht mehr Programme.
Weniger Hindernisse.
Deutschland hat kein Innovationsproblem. Deutschland hat ein Anreizproblem.
Und solange eine Abfindung im Konzern mehr wert ist als drei Jahre Gründerdasein, solange ein Manager für seinen Abgang besser entlohnt wird als ein Unternehmer für seinen Aufbau, wird sich daran nichts ändern.
Die Besten werden weiter woanders gründen.
Nicht aus Trotz.
Aus reiner Vernunft.
Ich bin übrigens wirklich davon überzeugt, dass es Deutschland und Europa flächendeckend besser ginge, wenn Startups und VCs viel mehr Bedeutung in der politischen Debatte hätten.
Denn am Ende sind es eben Startups gepaart mit VC Fonds, die Innovationen am Fließband produzieren. Ganz einfach.