Vertikal ist die neue Insel
Der Markt ist gerade voll mit vertikalen KI-Tools. KI für HR, KI für Sales, KI für Legal, KI für Service, KI für so ziemlich jeden Anwednungsfall, den man sich vorstellen kann. Jedes dieser Tools verspricht Tiefe in seiner Domäne, schnelle Time-to-Value, "purpose-built". Aber jedes dieser Tools baut sich den Unternehmenskontext lokal neu zusammen. Und damit baut es genau das, wovor wir die letzten zwanzig Jahre weggelaufen sind: Datensilos.
Die Annahme, auf der vertikale Tools beruhen ist, dass Domänen unabhängig voneinander funktionieren. Diese Annahme war noch nie wirklich richtig, aber sie war wenigstens mal pragmatisch. Heute ist sie es nicht mehr.
Ein Krankmeldungs-Event ist eben nicht "HR". Es trifft Payroll, Zeiterfassung, Projektsteuerung, Customer Commitments, je nach Branche auch Compliance-Meldepflichten. Ein Mitarbeiter ist nicht im HR-System, im CRM-System und im ITSM-System nebeneinander, er ist über all diese Systeme hinweg dasselbe "semantische" Objekt. Daten in einem Unternehmen sind nicht silo-förmig, sie sind graph-förmig. Wer das ignoriert baut gegen die "Physik" der Information.
Was vertikale KI-Tools strukturell also tun ist, dass sie den Kontext lokal rekonstruieren. Jedes Tool braucht eine eigene Datenintegration, eine eigene (meist eher implizite) Daten-Architektur (Ontologie), eine eigene Governance, ein eigenes Permission-Modell. Am Ende hat man zwölf Wahrheiten über denselben Mitarbeiter. Integration Debt wächst dabei nicht linear sondern eher quadratisch.
Eine horizontale AI Plattform kann jeden vertikalen Use Case implementieren. Ein vertikales Tool kann niemals horizontal werden. Das ergibt sich aus der Pfadabhängigkeit. Wer vertikal startet, betoniert die Grenzen an denen später jede Integration scheitert.
Dazu kommt die Governance: EU AI Act, NIS2, DORA, BAIT, BSI C5 -- keines dieser Regelwerke kennt Tool-Grenzen. Compliance ist per Definition querschnittlich. Wer sie pro Tool implementiert, implementiert sie zwölf mal halb. Zwölf vertikale Tools heißt am Ende zwölf Audit-Regime, zwölf Risk-Owner, zwölf getrennte Beweisketten.
Vertikale Tools verkaufen Features, Plattformen verkaufen Architektur. Im Vertrieb gewinnt fast immer das Feature, weil es konkret ist und schnell demonstrierbar. In der Realität gewinnt in den nächsten fünf Jahren die Architektur, weil der zweite, dritte und vierte Use Case garantiert kommen :)
Die richtige Frage im "AI-Lastenheft" ist deswegen nicht "welche Use Cases deckt ihr ab", sondern "welche Use Cases können wir auf eurer Plattform selbst bauen, ohne euch fragen zu müssen".
Vertikale KI-Tools sind die letzten Datensilos. Horizontale Plattformen sind das erste echte Betriebssystem der Unternehmens-KI.