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Auch der Song von Schauspielerin Carol Schuler entstand im Umfeld dieser Kampagne.
Die «Aargauer Zeitung» diagnostizierte einen eigentlichen «Bekenntniswahn» unter Managern, KMUlern und Unternehmen, die sich sonst sehr zurückhalten. Linkedin, die eitle Tratschplattform der Büromenschen, war noch selten so politisch wie in den letzten Wochen. Man sah es auch im echten Leben, einfach so, auf der Strasse. «Vielfalt schmeckt besser! Wir sagen Nein zur Spaltung am 14. Juni», war in Basel auf das Schaufenster einer national bekannten Pizzakette geschrieben.
Der tingelnde Bundesrat Beat Jans:
Dazu passt, dass der zuständige Bundesrat Beat Jans einen Abstimmungskampf betrieb, wie man ihn noch selten von einem Bundesrat gesehen hat. Er war überall. Er «tingelte» durch das Land, so nannte er es selber, und wurde dabei zum Gesicht des Widerstands gegen die Initiative der SVP.
Wie gut er das gemacht hat, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Mit gewissen Aussagen war er hart an der Grenze des Erlaubten (des Wahrhaftigen), manchmal überschritt er die Grenze. Diese Initiative brauche einen Warnhinweis – weil sie die Gesundheit der Menschen gefährden könne, sagte Jans in Basel. «Die Schweiz braucht Zuwanderung, damit eine Ärztin kommt, wenn Sie im Spital läuten», sagte er bei einem Vortrag in Zürich.
Niemand glaubte ihm das. Viele Gegner der Initiative waren nicht glücklich mit dem Justizminister. Sie waren nicht glücklich mit der «Chaos»-Rhetorik der Gegenkampagne. Wann ist denn in der Schweiz in den letzten zweihundert Jahren wegen einer Abstimmung tatsächlich Chaos ausgebrochen?
All das wurde besprochen. Immer und immer wieder. In den unterschiedlichsten Konstellationen. An Apéros. Am Familientisch (wirklich). Auf dem Heimweg vom Training. Nach dem Elternabend, im Zug (dem voll besetzten und dem leeren). Diese Allgegenwart hat mehrere Gründe: Die Schweiz hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten ganz offensichtlich verändert, viele Menschen nehmen das wahr. Wie auch nicht. Es kommen mehr Expats zu uns. Die Mieten werden höher. In Spitzenzeiten kommt die Infrastruktur an den Anschlag.
Ein Gefühl, immer wieder ein Gefühl:
Und: Je mehr man über die Folgen des Wachstums redet, desto mehr nimmt man diese auch wahr. Wenn ein Gefühl immer und immer wieder beschworen wird, dann spürt man es irgendwann selbst: eine sich selbst erfüllende Gefühlsprophezeiung. Das lässt sich regelmässig bei Debatten über Initiativen der SVP beobachten – das letzte Mal exemplarisch bei der Masseneinwanderungsinitiative 2014. Damals war der Abstimmungskampf viel kürzer, die Menschen hatten nicht wirklich viel Zeit, um sich mit dem Inhalt der Initiative auseinandersetzen, aber das Gefühl war da. Am Schluss gab es ein hauchdünnes Ja zur Initiative – ein Schockmoment, der die Debatte bis heute prägt.
Das war dieses Mal anders. Und genau das war das Problem der SVP. Denn bei allem Problembewusstsein für die Folgen eines übermässigen Wachstums – diese Initiative hätte daran nichts geändert (was vielen bewusst war). «Für mich zeigt das Resultat, dass sich das Stimmvolk gewissenhaft mit der Thematik auseinandergesetzt hat und nicht einfach einem Bauchgefühl gefolgt ist», sagt Politologe Michael Hermann im Interview mit dieser Redaktion.
Mit einem Ja ein Zeichen zu setzen, war die Absicht von vielen – vor allem am Anfang dieses Abstimmungskampfs. Aber ein Zeichen wofür genau? Dass jetzt genug sei?
Ja, und dann?
Darum wurde die Initiative am Schluss auch abgelehnt. Und genau darin liegt ein unterschätztes Frustpotenzial dieser letzten Wochen.
Probleme wurden diagnostiziert. Aber keine Lösungen aufgezeigt.
Natürlich haben die Parteien Ideen, wie man die «Wachstumsschmerzen» lindern könnte. Aber die wenigsten dieser Ideen sind mehrheitsfähig. Da kann am heutigen Abstimmungssonntag noch viel gefordert werden. Mehr günstiger Wohnraum. Mehr Deutschkurse für Expats.