KI und ZuverlÃĪssigkeit: Kann man KIs trauen? ðĪ
Wer mich schÃķn lÃĪnger liest, weiÃ, daà ich zu den KI-Kritikern gehÃķre. Daher heute mal was aus der meiner Berufspraxis der Informatik und zwar nicht âHello Worldâ, sondern âHello Faceâ und es geht um Geld. ð
Ich habe versucht, den Artikel, obwohl er ein komplexes Thema beinhaltet, nicht zu Fachchinesisch zu schreiben, ohne IT-Profis, die mich lesen, zu langweilen. Aber ganz ohne geht es nicht. Habt ihr konkrete Fragen dazu, gerne unten in den Drukos. ð
Los gehts. ð
Eines meiner laufenden Projekte ist die Migration einer grÃķÃeren Citrix-Farm auf Windows Server 2019 hin zu Azure Virtual Desktop (AVD) mit Windows 11 Multisession Hosts. Ein grÃķÃeres Unterfangen, weil plÃķtzlich sehr alles zusammenspielen muss: Drucker, Kameras, Spezialanwendungen, unterschiedlichste EndgerÃĪte und natÞrlich die allseits beliebten Thin- und Zero Clients.
FÞr dieses Projekt muss ich mehrere Fachbereiche gleichzeitig jonglieren: Virtualisierung, Authentifizierung, Hardware, Sicherheit, Netzwerk und am Ende soll es fÞr die User einfach aussehen wie âIch klicke auf das Icon und es geht haltâ.
Eine der Fragen aus dem Projekt war:
Kann man sich auf einem Thin- oder Zero Client per Windows Hello (Gesichtserkennung Þber eine Webcam) anmelden und damit direkt in AVD einloggen?
Klingt erstmal simpel, ist es aber nicht. Und weil eine Besprechung momentan die nÃĪchste jagt und jeder Tag aus Meetings, Analysen mit kurzen Pausen zum Atmen besteht, dachte ich mir:
Frag doch mal die KI. ð
Aber nicht irgendeine, sondern eines der hochgejubelten âState-of-the-Artâ-Modelle: Google Gemini, in der teuren Pro-/Ultra-Variante, also die Kategorie âWenn das nicht Bescheid weiÃ, wer dann?â.
Die KI lieferte eine beeindruckend formulierte Antwort, sinngemÃĪà (stark verkÞrzt):
Ja, AVD unterstÞtzt Windows Hello for Business (WHfB) mit einem 10ZiG Zero Client und einer Windows-Hello-fÃĪhigen Kamera.[
learn.microsoft]â
Ãber WebAuthn-Redirection kÃķnne die Kamera am Client genutzt werden, AVD leite die Authentifizierungsanfrage einfach durch.[
learn.microsoft]â
Zero Clients mit 10ZiG NOS wÞrden die Kamera per USB-Redirection durchreichen, sodass WHfB auf dem Client funktionieren kÃķnne.
Dazu ein paar plausible Konfigurationshinweise:
RDP-Properties anpassen, WebAuthn-Weiterleitung aktivieren, Kamera-Redirection erlauben, GPOs kontrollieren â alles garniert mit Microsoft-Links und Best-Practice-Schlagworten.[
learn.microsoft]â
Lesbar, logisch aufgebaut, ordentlich mit Schlagworten wie âpasswordless authenticationâ, âWebAuthn-Redirectionâ und âKerberosâ gespickt, kurz: Es klang auch fÞr einen Fachmann so, wie eine Antwort klingen muss, damit ein gestresster Projektverantwortlicher sie gerne glaubt. Aber ich hatte so ein komisches GefÞhl und forschte trotz Zeitnot persÃķnlich nach. ðĪĻ
Das Ergebnis meiner ÃberprÞfung der KI-Antwort:
Klingt super aber der entscheidende Kern war falsch! ðģ
Die KI hat mehrere Dinge miteinander vermischt:
Ja, AVD unterstÞtzt Windows Hello for Business fÞr in-session passwordless Authentication, allerdings nur in Verbindung mit passenden Clients und Kerberos-Anbindung an einen Domain Controller.
Ja, AVD kann WebAuthn und FIDO2-Security-Keys wie Yubikey nutzen.
Nein, ein Linux-basierter Zero Client mit angeschlossener Hello-Kamera wird dadurch nicht âmagischâ zu einem Windows-Hello-Biometrie-EndgerÃĪt.
Die Antwort sah zwar aus wie eine solide technische Doku, war aber eine sehr Þberzeugend formulierte Illusion. ðŽ
Wo der Denkfehler der KI steckt:
Windows Hello, TPM und Linux.
Also:
NÃĪchste Runde, eigene Recherche und Erfahrung statt blindem Vertrauen in die KI.
Windows Hello for Business ist nicht einfach âKamera plus Gesicht plus fertigâ, sondern ein ziemlich durchkonstruierter Authentifizierungs-Stack von Microsoft.
Kernidee:
Es wird ein asymmetrisches SchlÞsselpaar erzeugt, und der private SchlÞssel wird idealerweise im TPM des GerÃĪts geschÞtzt. Das ist ein Sicherheitschip, der als hardwarebasierter Tresor fÞr kryptografische SchlÞssel dient.
Ein paar zentrale Punkte:
Windows Hello/WHfB nutzt wo immer mÃķglich das TPM, um SchlÞssel sicher zu erzeugen und zu speichern. Das ist ausdrÞcklich so vorgesehen, auch wenn es theoretisch Fallbacks ohne TPM gibt, die aber weniger sicher und nicht empfohlen sind. Best Practise.
Die eigentliche Biometrie (Gesicht/Finger) findet lokal auf dem Client statt: Kamera Treiber Windows TPM Hello-Stack.
Und jetzt kommt die unschÃķne Wahrheit:
Viele Thin- und Zero Clients laufen Linux-basiert (z.B. 10ZiG NOS, IGEL OS). Linux kann selbstverstÃĪndlich TPM 2.0 ansprechen und fÞr Sachen wie Full-Disk-Encryption nutzen, TPM ist ein offener Standard.
Aber!
Es gibt kein Windows-Hello-for-Business-Client-Stack fÞr Linux, also keine vollstÃĪndige Microsoft-Implementierung von WHfB inklusive Biometrie-Login und Key-Bindung an das GerÃĪt.
Es existieren zwar Linux-Projekte fÞr Biometrie, z.B.:
- fprintd fÞr FingerabdrÞcke
- Howdy fÞr Gesichtserkennung (Hello-ÃĪhnliches Konzept)
Diese sind aber nicht kompatibel mit dem proprietÃĪren Protokoll und der gesamten Infrastruktur von Windows Hello for Business. Sie kÃķnnen also nicht âso tun, als wÃĪren sie Windows Helloâ und direkt als WHfB-Authentifizierungsquelle gegenÞber Azure AD oder einem Domain Controller auftreten.
Die KI hat das nicht erkannt. ðĪĶ
Wir haben also:
- Kein Windows auf dem Client
- Kein Windows-Hello-Stack
- Kein âHello Face Loginâ, egal, wie teuer die angeschlossene Kamera ist
Was durchaus ginge: FIDO2-Security-Keys (z.B. Yubikey) und WebAuthn.
Das sind offene Standards, die auch Linux-Clients sprechen kÃķnnen und die AVD unterstÞtzt, allerdings ist das etwas anderes als der klassische âWindows Hello mit Kameraâ-Use Case.
Was das in der Praxis bedeutet und was fast passiert wÃĪre:
In meinem Fall saà mir die GeschÃĪftsleitung im Nacken, weil eine Entscheidung anstand.
Bestellen wir Webcams mit Windows-Hello-UnterstÞtzung (sprich: mit IR-Sensoren, deutlich teurer) â oder reichen deutlich gÞnstigere Standard-Webcams?
Bei der geplanten StÞckzahl ging es um einen signifikanten Betrag. HÃĪtte ich die KI-Antwort einfach abgenickt, wÃĪre die Entscheidung klar gewesen: âJa klar, Hello-Kamera, Zero Client, AVD, funktioniert doch laut KI, also bitte die teuren Modelle.â
Das Problem:
Sie hÃĪtten einen Haufen teurer Kameras erhalten, und am Ende hÃĪtte sich niemand per Gesicht am Zero Client in AVD anmelden kÃķnnen, weil der entscheidende Baustein, Windows Hello for Business auf dem Client fehlt. ðŦ
Und âDie KI hatâs gesagtâ ist in meinem Verantwortungsbereich keine brauchbare Ausrede. ðĪŦ
Kann man also KIs trauen?
Die (meine) ehrliche Antwort lautet: Man kann KIs nutzen aber man darf ihnen nicht trauen, jedenfalls nicht im Sinne von âIch entscheide auf dieser Basis, ohne es zu prÞfenâ.
KIs:
- formulieren extrem Þberzeugend,
- klingen fachlich oft korrekt,
- kÃķnnen Quellen, Links und Fachbegriffe einbauen, halluzinieren aber trotzdem munter Details und setzen Bausteine falsch zusammen. ð§
Gerade im IT-Umfeld, wo Entscheidungen schnell fÞnf- oder sechsstellige BetrÃĪge kosten kÃķnnen (Lizenzmodelle, Hardware, Architekturen), ist das gefÃĪhrlich. Eine KI kann DenkanstÃķÃe liefern, Stichworte geben, Dokumentationen zeigen aber sie ersetzt eben keine fachliche PrÞfung und kein Architektur-Review. ð
KI ist ein Werkzeug, kein Orakel.
Verantwortung bleibt immer beim Menschen.
Und wer seine Budgetentscheidung auf eine KI stÞtzt, sollte zumindest vorher noch eine eigene Google-Suche und einen Blick in die offizielle Microsoft-Doku werfen. FÞr mich wieder mal eine Episode, die mir zeigt, daà KI (noch) nicht soweit ist, ich nach wie vor Old School recherchiere. ð