Das globale Profitsystem schlägt wieder zu. Die einen Kapitalisten schnappen den anderen den Diesel kurz vor der eigenen Nase weg, hihi. 🤭 Das hat etwas Urkomisches, aber gleichzeitig auch Gefährliches: Es offenbart die sozioökonomische Logik, die zu Handelskrieg & Krieg führt.
Vier Tanker mit 190 Millionen Litern Diesel waren auf dem Weg nach Europa. Die “Elka Delphi” war fast da. Nordwestlich von Spanien. Dann drehte sie ab. Kurs Süden. Richtung Afrika. Asiatische Käufer haben Europa die Ladung unterwegs abgekauft. Mitten auf dem Atlantik.
Laut Bloomberg haben innerhalb weniger Tage mindestens vier Tanker mit insgesamt 1,2 Millionen Fass Diesel ihren Kurs geändert. Die “Aliai”, die “Minerva Vaso”, die “Grand Ace6” und die “Elka Delphi”. Alle hatten in US-Raffinerien geladen. Alle waren Richtung Europa unterwegs. Gibraltar. Amsterdam. Keiner von ihnen wird ankommen.
Der Grund: ein einziger Preisunterschied. Eine Tonne Diesel kostet an der Börse in Singapur gerade rund 230 Dollar mehr als an der europäischen Terminbörse ICE. Für diese Differenz lohnt es sich, einen Tanker mitten auf dem Atlantik umzudrehen und die Fracht um ganz Afrika herum nach Asien zu schicken. Trotz explodierender Frachtraten. Trotz wochenlangem Umweg.
Warum Asien so verzweifelt kauft: Die Straße von Hormuz, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls floss, ist seit Kriegsbeginn am 28. Februar faktisch geschlossen. Länder wie Indien, die bisher selbst Diesel nach Europa exportierten, müssen plötzlich importieren. Indiens größter Raffineriekonzern Reliance Industries hat Anfang März zwei eigene Tanker umgeleitet, die für Europa bestimmt waren. 175.000 Tonnen Diesel und Kerosin. Neue Richtung: Singapur. Gleichzeitig bietet Reliance seinen asiatischen Käufern Diesel mit Aufschlägen von 15 bis 17 Dollar pro Fass an. Im Februar lagen die Aufschläge bei fast null.
Die vier US-Tanker dieser Woche sind kein Einzelfall. Bereits Anfang März berichtete Bloomberg, dass mindestens acht Tanker mit Diesel und Kerosin scharfe Kursänderungen Richtung Ostasien vorgenommen hatten. Drei kamen aus Indien. Drei waren noch vor Kriegsbeginn aus dem Persischen Golf ausgelaufen. Zwei hatten in Oman geladen. Dazu kommen mindestens elf Flüssiggas-Ladungen, die laut der Analysefirma Kpler von Europa nach Asien umgeleitet wurden.
Um zu verstehen, warum das so gefährlich ist, muss man die letzten drei Jahre sehen.
2022 kam fast die Hälfte von Europas Diesel aus Russland. Knapp 30 Millionen Tonnen pro Jahr. Nach dem Einmarsch in die Ukraine hat die EU diese Importe verboten. Russlands Anteil brach von 50% auf 5% ein.
Der Ersatz kam aus dem Nahen Osten. Saudi-Arabien, Kuwait und Oman bauten neue Mega-Raffinerien. 2024 exportierte die Region 22,9 Millionen Tonnen Diesel nach Europa. Rekord. In der ersten Jahreshälfte 2025 kamen laut der US-Energiebehörde EIA 43% aller europäischen Diesel-Importe aus dem Nahen Osten. Nordwesteuropa bezog laut Vortexa 22% seines Diesels und 59% seines Kerosins aus Häfen nördlich der Straße von Hormuz.
Dann begann der Iran-Krieg. Und diese Lieferungen fielen praktisch über Nacht weg.
Die letzte große Quelle: amerikanische Raffinerien an der Golfküste in Texas und Louisiana. Europas verbliebene Rettungsleine für Diesel. Genau von dort kamen die vier Tanker, die jetzt mitten auf dem Atlantik umgedreht haben.
Die Analysefirma Kpler bringt es auf den Punkt: “Diesel ist strukturell das verwundbarste Produkt in diesem Konflikt. Es ist der Treibstoff für Militärlogistik, regional konzentriert im Angebot, und das Produkt, für das am schwierigsten schnell Ersatz zu finden ist.”
An der Zapfsäule ist das längst angekommen. Ein Liter Diesel kostet im Bundesdurchschnitt 2,295 Euro (ADAC, 30. März). Am 23. März lag der Schnitt bei 2,31 Euro, nur noch 1,1 Cent unter dem Allzeithoch vom März 2022. In Köln haben einzelne Tankstellen dieses Allzeithoch bereits überschritten. Der Großhandelspreis für Diesel in der Handelsregion Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen ist seit Kriegsbeginn um 55% gestiegen.
Shell-CEO Wael Sawan warnte vergangene Woche auf der CERAWeek-Konferenz: Treibstoffengpässe in Europa seien bis Ende April möglich.
Die Mineralölbranche in Deutschland sagt: Aktuell drohen keine physischen Engpässe. Aber die globale Versorgung sei “bereits deutlich aufwendiger geworden”. Besonders bei Diesel werde das Angebot “immer knapper”.
Drei Lieferanten in drei Jahren. Erst hat Europa sich von russischem Diesel abgeschnitten. Dann hat der Krieg den Nahen Osten abgeschnitten. Und jetzt kauft Asien Europa die letzten verfügbaren Ladungen auf offener See weg.
Die “Elka Delphi” hätte in Amsterdam anlegen sollen. Jetzt fährt sie Richtung Durban.
In diesen Recherchen steckt eine Menge Arbeit. Wenn dich solche Makro Insights interessieren und dir helfen, interagiere gerne mit dem Post. 🧡