„Merz wirkt bis heute wie ein Oppositionsführer, der versehentlich Kanzler wurde und nun jeden Morgen überrascht ist, dass er nicht mehr nur kommentieren darf, sondern liefern muss“
Sehr guter Rückblick! Wundervoll geschrieben!
Mein ganz persönlicher Rückblick. In drei Teilen.
Teil 1: Ein Jahr Merz
Ein Jahr Merz.
Ein Jahr CDU-geführte Regierung.
Ein Jahr Schwarz-Rot.
Und man muss wirklich sagen: Respekt.
So viel Erwartung in so kurzer Zeit gegen die Wand zu fahren, muss man auch erst einmal schaffen.
Da stand er also im Mai 2025. Friedrich Merz. Der Mann, der dreieinhalb Jahre lang aus der Opposition heraus so tat, als wäre Deutschland nur deshalb in der Krise, weil Robert Habeck morgens die Kaffeemaschine einschaltet.
Die Ampel war schuld.
Die Grünen waren schuld.
Die SPD war schuld.
Der Zeitgeist war schuld.
Wahrscheinlich war sogar die Wärmepumpe schuld, wenn irgendwo ein Bus zu spät kam.
Dann zog Merz ins Kanzleramt ein.
Und siehe da:
Die Probleme lösten sich nicht in Luft auf.
Offenbar reicht es doch nicht, wirtschaftskompetent zu gucken, einen Anzug zu tragen und „Standort Deutschland“ zu sagen, bis die Industrie wieder anspringt.
Blöd.
Dabei war der Anspruch ja groß.
Deutschland sollte wieder führen. Außenpolitisch. Wirtschaftlich. Militärisch. Moralisch wahrscheinlich auch noch, aber bitte ohne zu viel Moral, das klingt ja schnell grün.
Deutschland sollte die stärkste konventionelle Armee Europas bekommen.
Die Wirtschaft sollte wieder brummen.
Die Bürger sollten endlich merken, dass jetzt die Erwachsenen regieren.
Ein Jahr später merkt man vor allem:
Die Erwachsenen haben den Haustürschlüssel gefunden, aber nicht den Lichtschalter.
Merz wirkt bis heute wie ein Oppositionsführer, der versehentlich Kanzler wurde und nun jeden Morgen überrascht ist, dass er nicht mehr nur kommentieren darf, sondern liefern muss.
Und liefern ist schwer.
Schwerer jedenfalls als Talkshow-Sätze über faule Arbeitnehmer, kranke Menschen, Rentner, Sozialstaat und angeblich fehlendes Arbeitsvolumen.
Dieses Land steckt in einer Strukturkrise.
Exportmodell unter Druck.
Autoindustrie im China-Kater.
Infrastruktur kaputt.
Digitalisierung peinlich.
Bildung im Sinkflug.
Demographie schwierig.
Bundeswehr abgerüstet.
Verwaltung im Faxgeräte-Biotop.
Und was macht die Union?
Sie kämpft erst einmal gegen Habeck.
Nicht gegen die Krise.
Nicht gegen die Ursachen.
Nicht gegen die strukturellen Brüche.
Nein.
Gegen Habeck.