In den letzten Tagen lese ich im Zusammenhang mit der Diskussion um von LLMs erstellte Texte immer wieder Sätze wie: "Ein KI-Text IST von Menschen geschrieben, er kann ja auch nur reproduzieren, was mal eingespeist wurde." - und genau das halte ich für viel zu einfach gedacht:
Zunächst sollte man IMHO bedenken, dass es beim Menschen auch nicht anders ist: Unser Gehirn - oder vielleicht auch das, was wir Geist nennen - wird über die reinen Reflexe und Grundfunktionen hinaus von Anfang an trainiert: durch Geräusche und Stimmen, die es im Mutterleib hört, das erste helle Licht nach der Geburt, Berührungen, den Geschmack von Muttermilch, Stimmen, Bilder, Musik, Sprache, Lieder, Texte, Filme, Zahlen, das erste Bier, die binomischen Formeln - und auf dieser Basis schaffen wir uns unser Bild der Welt.
Das ist eigentlich ähnlich wie das Training eines LLM, bei dem statistische Muster gelernt werden: wie Sprache funktioniert, welche Konzepte zusammenhängen, wie Argumente aufgebaut sind.
Daraus reproduziert unser Gehirn im Alltag Gelerntes, rekombiniert es aber auch zu Neuem: Wir können ein gelerntes dadaistisches Gedicht reproduzieren und können selbst ein neues dadaistisches Gedicht schreiben. Das kann eine KI auch. Wir können auch einen neuen Lyrikstil erfinden, aber das kann eine KI (inzwischen) ebenfalls.
Wenn es etwas allein dem Menschen Innewohnendes gibt, müssten wir vielleicht wissen, was ein ausgewachsenes menschliches Gehirn denkt, das nie etwas gehört, gesehen, geschmeckt oder gespürt hat, also auf sich allein gestellt "untrainiert" ist. Könnte es ein Bild von seiner Existenz haben? Einsamkeit, Angst und Freude spüren? Welche Sprache würde es entwickeln? Oder wäre es nur leer?
Provokativ gesprochen: Letztlich ist das Gehirn vielleicht gar nicht mehr als ein großes natürliches LLM, das ein vermeintliches Bewusstsein hat.
Selbst wenn man das für (bewusst) überzogen hält, kann man meines Erachtens doch feststellen: Wenn KI nur reproduziert, weil sie aus menschlichen Texten gelernt hat, dann reproduziert der Mensch ebenfalls, weil auch er gelernt hat. Der Unterschied liegt nicht darin, dass der Mensch voraussetzungslos schöpft und die KI nur abschreibt. Der Unterschied liegt eher darin, dass der Mensch ein verkörpertes, sterbliches, soziales Wesen ist, während die KI ein statistisches Sprachsystem ohne eigene Betroffenheit bleibt - und selbst das ist vielleicht nichts, was für alle Zeiten unveränderlich sein muss.
Ich könnte zu diesem Themenkomplex jetzt noch viel mehr schreiben und bin in anderen Kontexten gerade auch an dem Thema dran. Für heute möchte ich es bei diesem Denkanstoß belassen.
Ich weiß, für viele ist das ein schwer zu ertragender oder zumindest unangenehmer Gedanke. Aber es erdet einen sehr, sich dessen bewusst zu machen.