Die europäische Volksseele von Belfast bis Wanne-Eickel über Saint-Denis und Ostia kocht über:
„Machen wir sie endlich nieder, wenn es sonst niemand tut. Genug ist genug!“
Sagt das Gericht:
„Nö. Wir bestrafen nicht, um euren Volkszorn zu befriedigen. Wir bestrafen nach Regeln, die über Jahrhunderte entstanden sind.“
Darauf antwortet die Volksseele:
„Fickt euch. Das ist unbefriedigend.
Wir sind längst am Ausrasten. Wie laut sollen wir noch schreien?
Der verdammte Rechtsstaat ist doch an allem schuld. Erst lässt er die „Horden“ herein, dann schützt er uns nicht, und am Ende verweigert er uns sogar das Schauspiel der Vergeltung.“
Da muss der Volkszorn doch irgendwann überkochen.
Denn:
„Die da oben reden nur.“
„Es passiert nichts.“
„Warum greift denn niemand endlich durch?“
„Wir wollen eine sichtbare Wiederherstellung der Ordnung.“
„Verstehe ich voll, wenn die jetzt alles anzünden. Irgendwann reicht es eben!“
Bürgerkrieg!!!!! 🤜
Aber was, wenn die Volksseele sich irrt?
Irrt sie sich nicht ständig?
Mal will sie Römer, Franzosen, Engländer oder Preußen brennen sehen.
Mal Hexen auf dem Scheiterhaufen.
Mal Juden vertreiben.
Mal Katholiken. Mal Protestanten. Mal Muslime.
Mal Kommunisten verfolgen.
Mal Migranten internieren.
Mal politische Gegner entsorgen.
Genau deshalb wurden moderne Gerichte erfunden.
Nicht weil Menschen vernünftiger geworden wären.
Sondern weil sie es nicht sind.
Weil wir gelernt haben, dass Pogrome, Lynchjustiz und kollektive Vergeltung fast immer mit dem Satz beginnen:
„Genug ist genug.“
Wer tagsüber wutschnaubend auf barbarische Strafsysteme wie die Scharia herabblickt und abends brennende Häuser mit einem „Irgendwann reicht es eben“ kommentiert, steht dieser Logik näher, als ihm lieb sein dürfte.
Nicht weil er dieselben Gesetze will.
Sondern weil beide Vorstellungen aus derselben Quelle schöpfen:
Die Gemeinschaft wurde verletzt.
Nun muss jemand dafür zahlen.
Der Rechtsstaat antwortet darauf mit einem einzigen, zivilisatorischen Einwand:
Der Täter zahlt.
Nicht seine Nachbarn.
Nicht seine Familie.
Nicht Menschen derselben Herkunft, Religion oder Hautfarbe.
Isso.
„Bürgerkrieg” trendet. Natürlich tut es das. Es trendet immer dann, wenn Männer mit Sturmhauben Autos anzünden und das als Notwehr verkaufen.
Was ist passiert: In Belfast hat ein Mann einen anderen mit einem Küchenmesser fast getötet, das Video davon ist unerträglich, und es ging viral. Der Tatverdächtige: ein 30-jähriger Geflüchteter aus dem Sudan, legal im Land. Erst hieß es von der Polizei, der Täter sei Somalier – eine Falschangabe, die die internationale Rechte dankbar aufsaugte, schließlich sind Somalier seit Ewigkeiten Trumps liebste Hassfigur. Die Korrektur auf „Sudanese” interessierte dann keinen mehr. Egal. Hauptsache, die Richtung stimmt. Das Motiv ist offiziell ungeklärt, zumindest kein Hinweis auf Terror, sagt die Polizei. Und genau hier wird es interessant.
Denn die Frage, warum dieser Mann zugestochen hat, stellt niemand. Ich traue mich ja kaum, sie aufzuschreiben – wer nach dem Motiv fragt, gilt sofort als Täterversteher und landet auf dem Scheiterhaufen. Aber die Pointe ist: Die Empörten fragen auch nicht. Sie wollen es gar nicht wissen. „Sudanese” ist für sie bereits das vollständige Motiv. Eine Antwort – Streit, Psychose, Drogen, was auch immer die Ermittler finden werden – könnte die Geschichte nur kaputt machen. Die Tat ist ihnen nicht Anlass zur Aufklärung, sie ist Munition.
Und was wurde aus dieser Munition gemacht? Maskierte Männer zünden in Belfast Autos und einen Bus an. Familien werden aus ihren Häusern vertrieben, indem man diese anzündet – Nordirlands Regierungschefin nennt das „widerliche Feigheit”, und sie ist im Recht. Geschäfte von Ausländern werden gezielt zerlegt. Das ist keine Wut über ein Verbrechen. Wer wütend über ein Verbrechen ist, ruft die Polizei. Wer Häuser anzündet, in denen Menschen schlafen, begeht selbst Verbrechen.
Dabei ist ausgerechnet Belfast der lebende Beweis, dass der Hass gar keine Migranten braucht. In dieser Stadt haben sie sich dreißig Jahre lang die Schädel eingeschlagen, ganz ohne Einwanderung – Katholiken gegen Protestanten, über dreitausend Tote, Bomben, und „Peace Walls” quer durch Wohnviertel, die bis heute stehen. Der Hass sucht sich immer ein Drüben. Wer gerade da ist, spielt keine Rolle. Und wem das bekannt vorkommt: Wir hatten selbst so eine Mauer. Aus Beton braucht man sie gar nicht mehr – eine große Masse von Bürgern zieht sie gerade freiwillig wieder hoch, im Kopf.
Das alles ist längst keine britische Geschichte mehr. Es ist dieselbe weltweite Bewegung, die in Washington Milliarden in der Größenordnung von Verteidigungsetats für Abschiebelager und Co. bewilligt, in Belfast Häuser anzündet und in Deutschland „Bürgerkrieg” in die Trends hievt. Dieselben Bilder, dieselben Codes, dieselbe Methode: Eine Tat wird zur Munition, die Munition zur Bedrohungserzählung, die Erzählung zur Lizenz zum Umsichschlagen.
Und man muss es so deutlich sagen: Diese Leute warnen nicht vor dem Bürgerkrieg. Sie freuen sich insgeheim auf ihn. Seit Jahren beten ihn manche herbei, jede Messerattacke wird zur Anzahlung auf den großen Tag X, jedes Opfer zum Beleg, dass es „bald losgeht” – und in den Stimmen, die das schreiben, liegt keine Angst, sondern Vorfreude. Wer brennende Busse sieht und „endlich” denkt, will keine sicheren Straßen. Er will die Erlaubnis, zuzuschlagen.
Ein Mann liegt mit schweren Schnittverletzungen an Gesicht und Hals im Krankenhaus. Sein Angreifer sitzt in Haft, der Rechtsstaat arbeitet. Alles andere – die brennenden Busse, die vertriebenen Familien – hat mit ihm nichts mehr zu tun. Sie trauern nicht um ihn. Sie danken ihm, dass es endlich losgehen darf.