Liebe BILD-Chefin: Reden wir über echten Sozialismus
Oder: Wie die fossile Lobby Deutschland die Zukunft verspielte – mit tatkräftiger BILD-Unterstützung
"Der Klima-Sozialismus muss weg, wenn unsere Kinder in Deutschland eine Zukunft haben sollen" – so BILD-Chefin Marion Horn in ihrem Leitartikel. Sozialismus. Ein großes Wort. Klingt nach Planwirtschaft, nach Steuergeldverschwendung, nach staatlicher Gängelung.
Gut, Frau Horn. Reden wir über Sozialismus. Aber reden wir über den echten Sozialismus. Den, über den die BILD schweigt. Den, der seit 150 Jahren läuft und Billionen kostet. Den fossilen Sozialismus.
Der 7-Billionen-Dollar-Sozialismus – und Deutschlands 65-Milliarden-Anteil
Während die BILD gegen "Klima-Sozialismus" wettert, kassiert die fossile Industrie die größten Subventionen der Menschheitsgeschichte:
7 Billionen Dollar. Pro Jahr. ☝️
Das sind 7,1% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Mehr als alle Regierungen zusammen für Bildung ausgeben (4,3% des globalen BIP).
Und Deutschland? Allein hier fließen 40-65 Milliarden Euro jährlich in klimaschädliche Subventionen. Das entspricht 14% des Bundeshaushalts. Mehr als für Entwicklungshilfe. Mehr als für viele Ministerien.
Die größten Posten in Deutschland sind bekannt – und seit Jahrzehnten unantastbar:
Dienstwagenprivileg (fossil): 13,7 Milliarden Euro pro Jahr
Diesel-Privileg: 9,6 Milliarden Euro pro Jahr
Kerosin-Steuerbefreiung: 7,4-8,4 Milliarden Euro pro Jahr
Entfernungspauschale: 5-6,5 Milliarden Euro pro Jahr
Verkehrssektor gesamt: Bis zu 36 Milliarden Euro pro Jahr
Zum Vergleich: Der gesamte globale Markt für erneuerbare Energien – Wind, Solar, Geothermie, alles zusammen – hat einen Wert von 1,5 Billionen Dollar. Nicht pro Jahr. Gesamt. ☝️
Die fossile Industrie bekommt also jährlich fast das Fünffache dessen als Subvention, was die gesamte Erneuerbare-Branche überhaupt wert ist.
Konkret in Deutschland? Steigerte seine klimaschädlichen Subventionen zwischen 2016 und 2023 um 49% – die zweitgrößte Steigerung in der G7 nach Italien.
Das ist Sozialismus, Frau Horn. Nur schweigt die BILD darüber.
"Seit 1998 kostet die Energiewende Abermilliarden"
Ja, stimmt. Deutschland hat seit 1998 vielleicht ein paar hundert Milliarden in die Energiewende investiert. Über 26 Jahre.
Während die BILD gegen die Energiewende wetterte, pumpte der Staat mehr Geld in fossile Brennstoffe als je zuvor.
Rechnen Sie mal nach, Frau Horn: Was ist teurer?
Apropos schädlich für die Industrie.
Die Solar-Katastrophe: Wie Deutschland Weltmarktführer wurde – und die Politik es zerstörte
Erinnern wir uns: Deutschland war in den 2000ern Weltmarktführer in der Solarindustrie. Unternehmen wie SolarWorld schufen über 100.000 Arbeitsplätze, viele davon in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands. Deutsche Solartechnologie war weltweit führend.
Dann kam die schwarz-gelbe Koalition unter Angela Merkel und der FDP. Die Förderung wurde radikal gekürzt – angeblich um die Strompreise zu senken. Gleichzeitig baute China seine Solarindustrie mit massiven staatlichen Subventionen auf.
Deutsche Unternehmen konnten nicht mehr konkurrieren. Die Pleitewelle rollte. SolarWorld ging unter. Damit zehntausende Arbeitsplätze! ☝️
Heute stammen 90% der in Deutschland installierten Solarmodule aus China.
Der Grund? Deutschland entschied sich gegen Strafzölle auf chinesische Dumpingpreise – aus Angst, China könnte im Gegenzug Zölle auf deutsche Autos erlassen.
Wir haben eine Zukunftsindustrie geopfert, um die Vergangenheit zu schützen. Und heute? China baut auch die besseren E-Autos, weil sich die Autolobby fein hinter den Politikern in Deutschland zurückgelehnt haben und lieber mit ihrem Abgasskandal den Verbraucher und die Umwelt beschissen, als ihre Arbeit für die Zukunft zu leisten.
Die Windkraft-Blockade: Bayerns 10H-Sabotage
2014 führte Bayern unter CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer die 10H-Regel ein: Windräder müssen einen Abstand zur Wohnbebauung einhalten, der dem Zehnfachen ihrer Höhe entspricht. Bei einem 200-Meter-Windrad sind das 2 Kilometer.
Das Ergebnis: Die Genehmigungen für Windkraftanlagen brachen um 90% ein. Bayern – eines der größten Bundesländer – hat heute mit 2,6 Gigawatt eine der geringsten installierten Windkraft-Kapazitäten im Vergleich zu seiner Größe.
Und dann beschwert sich die CSU, dass man mehr Gaskraftwerke braucht.
Die gleiche CSU, die über Jahrzehnte den Windkraftausbau blockierte, fordert jetzt teure Gaskraftwerke – natürlich auf Steuerzahlerkosten. Und die gleiche CSU bekommt von Katherina Reiches neuem Wirtschaftsministerium einen "Südbonus": Zwei Drittel der neuen Gaskraftwerke sollen in Süddeutschland entstehen.
Bayern blockiert Wind. Bayern bekommt Gas-Geschenke. Der Steuerzahler zahlt.
Das ist Ihr "Klima-Sozialismus", Frau Horn?
Wir sind noch nicht fertig!
Der "Heiz-Hammer": BILDs Kampagne der Lügen
Im Februar 2023 begann die BILD eine beispiellose Kampagne gegen Robert Habecks Heizungspläne. "Habecks Heizungshammer!" "Heiz-Kollaps!" "Heizungsverbot!"
Alles frei erfunden. Es gab kein Heizungsverbot. Habeck sagte explizit: "Funktionierende Heizungen dürfen weiter genutzt werden und kaputte dürfen so lange repariert werden, wie man sie reparieren kann." Anders als von Blättern wie ihrem hat er das Gesetz der großen Koalition für die Verbraucher abgemildert. Weiß nur niemand, weil SIE es nie ordentlich klarstellten, Frau Horn.
Aber Fakten interessierten Sie offenbar nicht. Die Kampagne rollte. Monatelang. Die FDP schloss sich an. Die CDU auch. Die AfD sowieso.
Das Ergebnis? Der Absatz von Wärmepumpen brach ein. Deutsche Hersteller wie Stiebel Eltron gerieten in die Krise. 90.000 Wärmepumpen wurden 2024 im ersten Halbjahr verkauft – ein Bruchteil der angestrebten 500.000 pro Jahr.
Währenddessen? In Norwegen heizen 604 von 1.000 Haushalten mit Wärmepumpen. In Schweden 427 von 1.000. In Finnland 408 von 1.000. Alles Länder mit kälteren Wintern als Deutschland.
Aber die BILD erzählte ihren Lesern, Wärmepumpen würden "in strammen Wintern versagen". Dass sie in der Arktis funktionieren? Geschenkt.
Die BILD-Chefin selbst gab später zu: "Wir haben hier verdammt nochmal niemanden, der weiß, wie so eine Wärmepumpe funktioniert."
Das hinderte die Redaktion nicht daran, monatelang gegen die Technologie zu hetzen.
Warum diese Kampagne, Frau Horn?
Folgen wir dem Geld:
Die Gas-Lobby hatte ein Interesse daran, die Wärmepumpe zu verhindern. Die BILD lieferte die Kampagne. Kostenlos.
Reiches Gas-Traum: Die Lobby-Ministerin
Katherina Reiche war bis zu ihrer Ernennung Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG (E.ON-Tochter). Heute setzt sie sich als Bundeswirtschaftsministerin für den Bau von mindestens 20 Gigawatt Gaskraftwerken ein – doppelt so viel wie ursprünglich vorgesehen.
Wer profitiert? E.ON und ihre Tochter Westenergie. Der E.ON-Aktienkurs schoss nach Reiches Ankündigung in die Höhe.
Das Problem: Gaskraftwerke sind nicht rentabel. Im ersten Halbjahr 2025 deckten Erneuerbare bereits über 60% des deutschen Strombedarfs. Um wirtschaftlich zu laufen, müssten Gaskraftwerke mindestens 4.000 Volllaststunden pro Jahr fahren. Sie schaffen aber keine 2.500 Stunden.
Was so halb läuft, ist im Betrieb doppelt so teuer. Dazu kommen die Brennstoffkosten: 6 Cent pro Kilowattstunde bei Gas, unter 1 Cent bei Braunkohle.
Die Lösung? Batteriespeicher sind inzwischen sehr billig. Netzausbau. Flexible Nachfrage. Alles längst verfügbar und günstiger als 40-50 neue, unrentable Gaskraftwerke.
Aber Reiche will Deutschland für Jahrzehnte an teure Gasimporte binden.
Energieautonomie? Fehlanzeige.
Versorgungssicherheit?
Putin hat gezeigt, wie sicher Gas ist.
Bezahlbare Preise? Gas war 2022 der Preistreiber schlechthin.
Aber E.ON-Aktionäre freuen sich. Der Steuerzahler zahlt.
Das nennt man Planwirtschaft, Frau Horn. Nur dass sie hier nicht das Klima rettet, sondern Konzerngewinne sichert.
Die Tabak-Taktik: "Rauchen ist gesund!" – "Klimaschutz ist Sozialismus!"
Kommt Ihnen das bekannt vor, Frau Horn?
Jahrzehntelang erzählte uns die Tabakindustrie, Rauchen sei harmlos. Sogar gesund! Ärzte in weißen Kitteln empfahlen Zigaretten in Werbeanzeigen. Studien "bewiesen", dass Rauchen nicht süchtig mache. Kritiker wurden als Hysteriker diffamiert.
Heute wissen wir: Die Tabakindustrie wusste seit den 1950ern um die tödlichen Risiken. Aber sie hatte Milliarden zu verlieren. Also kaufte sie Wissenschaftler, Politiker und Medienkampagnen. Sie säte Zweifel. Sie verbreitete "alternative Fakten". Sie nannte Krebs-Studien "umstritten".
Die Strategie funktionierte. Jahrzehntelang. Millionen starben, während die Industrie Profit machte.
Die fossile Industrie benutzt exakt dieselbe Taktik.
Seit den 1970ern wissen Ölkonzerne wie ExxonMobil um den Klimawandel. Ihre eigenen Wissenschaftler warnten vor den Folgen. Die Konzerne ignorierten die Warnungen – und starteten stattdessen die größte Desinformationskampagne der Geschichte.
Sie finanzierten "Klimaskeptiker". Sie kauften Studien, die Zweifel säten. Sie gründeten Think Tanks mit harmlosen Namen. Sie bezahlten PR-Agenturen, um den Klimawandel zu leugnen oder zu verharmlosen.
Und sie kauften Medien. Direkt oder indirekt. Durch Werbemillionen. Durch Druck. Durch Netzwerke.
7 Billionen Dollar pro Jahr weltweit kaufen viel Einfluss, Frau Horn. In Deutschland sind es 65 Milliarden Euro jährlich. Genug Geld, um Kampagnen zu finanzieren. Genug Geld, um Politiker zu korrumpieren. Genug Geld, um Zeitungen zu beeinflussen.
Die BILD-Kampagne gegen Wärmepumpen? Die Hetze gegen den "Heiz-Hammer"? Die ständige Diffamierung erneuerbarer Energien? Jetzt beginnt also die Kampagne gegen den Klima-Sozialismus?
Cui bono? Wem nützt es?
Die Frage ist nur: Auf welcher Seite stehen Sie, Frau Horn?
Auf der Seite derer, die Milliarden verdienen, während der Planet brennt?
Oder auf der Seite unserer Kinder?
"Ja", werden Sie noch oben draufsetzen, "aber die Arbeitsplätze!" – Das Mantra der fossilen Lobby.
Schön. Dann erinnern wir uns:
Kodak ging pleite, weil Digital-Fotografie kam. Hat jemand nach ewigen Subventionen geschrien?
Nokia ging unter, weil Smartphones kamen. Hat die BILD einen "Handy-Hammer" beklagt?
Die Schreibmaschinenindustrie starb, weil PCs kamen. Hat jemand ein "PC-Verbot" ausgerufen?
Nein. Das nennt man technologischen Fortschritt. Disruption. Schöpferische Zerstörung. Marktwirtschaft pur.
Nur bei der fossilen Industrie – die über 150 Jahre Zeit hatte, sich anzupassen – ist es plötzlich eine nationale Katastrophe?
Die Realität: Erneuerbare schaffen mehr Jobs als sie kosten. Der Windkraftsektor allein beschäftigt in Deutschland Zehntausende. Solar, Speicher, Netzausbau, Installation, Wartung – alles Arbeitsplätze, die nicht nach China exportiert werden können. Sie bleiben hier.
Und Deutschland hat einen massiven Arbeitskräftemangel. Überall fehlen Leute. Umschulung ist günstiger als ewige Subventionen für sterbende Industrien.
Das unbequeme Finale
Die fossile Lobby kann Politiker kaufen. Sie kann Medien beeinflussen. Sie kann Kampagnen fahren und Ängste schüren.
Aber das Klima lässt sich nicht korrumpieren.
Alle, die meinen, der Klimaschutz wäre das Problem – die Solar sabotieren, Windkraft blockieren, Wärmepumpen verteufeln und an Gas-Abhängigkeit festhalten – wollen ihren Kindern offenbar buchstäblich verbrannte Erde hinterlassen.
Während die BILD über "Klima-Sozialismus" wettern kann, steigen die Temperaturen. Während Katherina Reiche neue Gaskraftwerke plant, schmelzen die Gletscher. Während 7 Billionen Dollar weltweit und 65 Milliarden Euro in Deutschland in fossile Subventionen fließen, brennen die Wälder.
Frau Horn, Sie haben recht: Wir sollten über Sozialismus reden, über das Ende des Sozialmus der fossilen Industrie!
Die Energiewende ist nicht das Problem, Frau Horn.
Sie und Ihre fossilen Freunde sind es.
Quellen:
- International Monetary Fund (IMF): Fossil Fuel Subsidies Data 2023
- Umweltbundesamt (UBA): Umweltschädliche Subventionen 2018/2021
- International Energy Agency (IEA): Fossil Fuel Subsidies, Renewables 2024
- DIW Berlin: Strikte Mindestabstände bremsen Windenergie
- Fraunhofer ISE: Deutsche Solarindustrie
- Klimareporter: Die mediale Macht des "Heizhammers"
- Volksverpetzer: BILD-Faktenchecks Heizungsgesetz
- PV Magazine: Katherina Reiche Gaskraftwerke
- taz: Energiepolitik unter Katherina Reiche
- Transport & Environment: Dienstwagen-Subventionen Deutschland
- Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS): Klimaschädliche Subventionen