Der NDR gibt mittlerweile die Rundfunkgebühren sogar dafür aus, um die Kernaussage der Bibel umzudeuten. In der Sendung „Glaubenssache“ behauptet Mathias Greffrath dies:
„Nächstenliebe ist doppelt paradox. Sie richtet sich – so die Lehre Jesu – gerade nicht auf die ‚nächsten‘ Personen, sondern auf Bedürftige und Notleidende, mit denen uns wenig verbindet, ja die am anderen Ende der Welt leben, insofern ist sie grenzenlos.“
Diese Behauptung geht komplett am Prinzip der Nächstenliebe in der Bibel vorbei!
Das Gebot der Nächstenliebe stammt aus dem 3. Buch Mose und findet sich dort im 18. Vers des 19. Kapitels. (וְאָהַבְתָּ לְרֵעֲךָ כָּמוֹךָ) Das Schlüsselwort hier ist רֵעַ, und es bedeutet im Hebräischen wörtlich „Gefährte“, „Mitmensch“, „Nachbar“, also ein Mensch, der mir nahe ist, jemand, mit dem ich lebe, arbeite, handle. Der Satz spricht also ausdrücklich von konkreten Mitmenschen, nicht von fernen Abstraktionen.
Schon der nächste Abschnitt des gleichen Kapitels macht diese Unterscheidung deutlich: „Der Fremdling, der bei euch wohnt, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“
Hier wird ein anderes Wort verwendet: גֵּר - „Fremder“, „Gast“. Das bedeutet: Die Tora kennt sehr wohl die Pflicht, auch den Fremden zu lieben. Allerdings geht um den Fremden, der bei uns wohnt. Es geht also um den Fremden, der uns als Nächster begegnet.
Im Neuen Testament zitiert Jesus das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22,39) Das Wort für den Nächsten, das dort im Original genutzt wird, ist das griechische πλησίον. Es bedeutet wörtlich „der, der nahe ist“.
Als ein Gesetzeslehrer Jesus fragt: „Wer ist denn mein Nächster?“ (Lk 10,29), antwortet Jesus mit der Parabel vom barmherzigen Samariter. Ein Mann wird überfallen und bleibt halb tot am Weg liegen. Ein Priester und ein Levit sehen ihn und gehen vorbei. Das griechische Verb lautet ἀντιπαρῆλθεν: „Er ging auf der gegenüberliegenden Seite vorbei.“ Sie schaffen also Distanz, sowohl räumlich als auch moralisch.
Dann kommt ein Samariter, ein Fremder, mit dem Juden normalerweise keine Gemeinschaft hatten. Von ihm heißt es: „Als er ihn sah, hatte er Mitleid“ (Lk 10,33). Der Samariter „trat hinzu“, er kam nahe. Genau hier liegt der Kern der Lehre Jesu: Nächstenliebe ist das Gegenteil von Distanz. Sie bedeutet, sich dem Leidenden zuzuwenden, nicht an ihm vorbeizugehen, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn.
Der Priester und der Levit waren mit ihren Gedanken bei den Problemen in der Ferne. Sie hatten in ihrem Kopf ein Ziel, und da wollten sie hin. Über dieses Ziel wurden sie blind für die Probleme und das Leid, das sich ihnen in nächster Umgebung zeigte. So machen es auch die Ideologen von heute. Sie wollen irgendwelche Probleme in weiter Ferne lösen und werden dafür blind für das, was in ihrer nächsten Umgebung passiert.
Jesus kritisiert genau diese ideologische Blindheit, indem er deutlich macht, dass nicht die Frage entscheidend ist, was ich für wichtig erachte, sondern für wen ich zum Nächsten werde, der jetzt meine Hilfe braucht. Der Nächste ist nicht der ferne Mensch irgendwo auf der Erde, sondern der Mensch, der mir in seiner Not und in seiner Nähe begegnet. Das Gebot der Nächstenliebe ruft also nicht zu weltfernen Projektionen auf, sondern zu einem konkreten Blick auf das Leid vor unseren Augen.
Wer den Nächsten liebt, der bleibt nicht in Ideen stehen, sondern bei seinem Nächsten.
Und jetzt möchte ich nur noch Jesus zitieren: „Dann geh und handle du ebenso.“ (Lukas 10,37)
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