Könnt Ihr mal aufhören mit diesem Rechts-und-Links-Scheiß?
…oder macht es richtig.
In der ersten Nationalversammlung nach der französischen Revolution saßen die, die dem Adel die Köpfe abschlagen wollte, links. Ganz rechts saßen die, die alles beim Alten belassen wollten.
Deshalb heißt rechts auch „konservativ“, also bewahrend, und links „progressiv“, also fortschreitend.
Weiter in der Mitte von Links saßen die, die auch den Adel abschaffen wollten, aber nicht gleich die Köpfe abschlagen. Auf der anderen Seite, zur Mitte hin, saßen die, die den Adel behalten wollten, aber mit weniger Macht.
Dann kamen Marx und Engels und haben eine ganze Philosophie daraus gemacht. Die Begriffe haben sich erweitert.
Dann kam die Sowjetunion. Sie hat „links“ auch auf Internationales bezogen. Das war beim stattfindenden Klassenkampf zeitgemäß.
Und so sind aus Rechts und Links komplexe Konzepte geworden. Die auch noch unterschiedlich ausgelegt werden. In einem gewissen Rahmen zumindest.
Sehr vereinfacht:
Durch den Ursprung kommen die Gegensätze egalitär und elitär. Also eine flache gesellschaftliche Hierarchie gegen eine spitze.
Dadurch kam dann auch der Gegensatz von progressiv und konservativ.
Und später kam der Gegensatz von nationalistisch und internationalistisch.
Ein Gegensatz ist auch die persönliche Freiheit gegen die Freiheit der Gesellschaft. Und beides kostet etwas, was aber gerne verschwiegen wird. Die Freiheit sich nicht impfen zu lassen gegen die Freiheit der geringeren Chance zu sterben.
(Vielleicht sollten einige Arbeitslose sich mal schlau machen, was Neoliberalismus für sie bedeuten kann.)
Und Überraschung: Rechts und Links haben erstmal wenig damit zu tun, wie ein Staat mit Migration umgeht. Oder sind die Schweiz und die USA plötzlich sozialistisch geworden?
Aber das funktioniert eben nicht immer linear.
Ich nehme mich als Beispiel. Ich bin von Hause aus eher links. Aber als gelernter Kaufmann und Selbstständiger sehe ich ein, dass es Freiheiten gibt, die man der Wirtschaft zugestehen muss. Ich bin Sozialdemokrat (grundsätzlich, nicht die Partei) und kein Sozialist.
Trotzdem bin ich beispielsweise für eine rigorosere Abschiebung von Migranten ohne Bleibeperspektive. Ich habe dafür nur pragmatische Lösungsvorschläge und sehe das Problem wo anders, als Populisten rumschreien.
Aber es geht nicht um mich.
Was auf Social Media stattfindet, ist eine Simplifizierung. Eine Amerikanisierung. Es wird radikalisiert, monopolisiert. Und ein Interesse daran haben ausschließlich Populisten und Scharfmacher.
Weil jeder Demokrat weiß, dass sogar CSU und Grüne auf Lokalebene zusammenarbeiten müssen, wenn es um den neuen Rasen für den Sportplatz oder die Renovierung der Schule geht. Und anschließend geht man zusammen ein Bier trinken.
Links und Rechts sind nur Vorstellungen, wie man glaubt, die Gesellschaft am besten zu gestalten. Bei einzelnen Entscheidungen spielt das oft kaum eine Rolle.
Und Bundespolitik ist nichts anderes. Demokratie bedeutet konstruktiv miteinander zu streiten.
Deshalb bezeichne ich mich als die radikale Mitte. Denn wenn es auf beiden Seiten Extreme gibt, denen die Sozialdemokratie nicht passt, dann ist alles dazwischen irgendwie die Mitte.
Indem man alles zu „rechts“ oder „links“ erklärt, wird ein Bild verfestigt.
„Rechts“ sind nur noch die Radikalen. Also muss jeder, der rechts ist, auch radikal sein. Ich kann einfach nicht mehr lesen, wer plötzlich alles „Nazi“ sein soll.
Und „Links“ sind nur noch die Autonomen und Pseudofeministinnen, die „noch nie gearbeitet haben“.
Und jedes Mal, wenn ich einen Kommentar lese, „die Linken“ hätten dieses oder würden jenes, frage ich mich: WTF? Wissen diese Leute eigentlich, wovon sie da reden?
Täglich mehrfach.
Andererseits wurde schon vehement bestritten, Rechts zu sein, und guckt man auf das jeweilige Profil, ist das erzkonservativ bis in die Haarspitze. Die Leute sind rechts und wissen es nicht einmal, weil sie glauben, „rechts“ bedeute „Nazi“. Aber dafür sind alle Linken ja Steine werfende Sozialpädagogikstudenten auf Demos.
Das sagt auch etwas über Bildung aus. Denn wenn die Menschen nicht wirklich unterscheiden können, oder Stereotype wie bei Asterix und Obelix haben (die für Kinder psychologisch sinnvoll sind), ist die Demokratie dem Untergang geweiht.
Dann wird die Erzählung geglaubt, das neue Rechts sei die eigentliche Freiheit und das neue Links sei der Faschismus. Oder Links sei die zukunftsweisende Lösung, aber Rechts sei ewiggestrig.
Ich bin auch immer amüsiert, wenn jemand erzählt, dass die CDU weit nach links gewandert sei. Offenbar vergessend, dass Adenauer und Erhard diese insgesamt ziemlich linke Sozialdemokratie maßgeblich gestaltet haben. (Wie übrigens ganz Europa ziemlich links ist. Wer das nicht versteht, kann ja mal versuchen, in den USA eine Krankenversicherung abzuschließen.)
Es gibt Rechtspopulisten. Mehr als Linkspopulisten, aber die gibt es auch. Frau Wagenknecht hat da eine Initiative gestartet.
Es gibt Extremisten auf beiden Seiten, die die Demokratie scheiße finden.
Rechts und Links sind abgestuft, von Links- oder Rechtsaußen zu gemäßigten.
Und die FDP ist nicht die genaue Mitte, falls sie es je war. Und die Grünen sind seit den 90ern keine Sozialisten mehr.
Wenn ich im Kontext der BRD „rechts“ lese, denke ich nicht an den Stillstand der großen Koalition, sondern an Adenauer und Erhard. Und wenn ich „links“ lese, denke ich an neue Technologien, Steuer für die Reichen und Arbeitnehmerschutz; und nicht an Pali-Demonstrationen.
Und jedes Mal wieder muss ich denken: Wovon reden diese Menschen da eigentlich?
Das Internetz sollte Menschen vernetzen und den Informationsaustausch erleichtern.
Die Macher haben sich sicher nicht träumen lassen, dass die Dummheit der Menschen stärker ist und das Netz zum Katalysator der Blödheit wird.