Heute sind es genau drei Jahre Krieg im Sudan – und vieles von dem, was dieses Land ausgemacht hat, ist verschwunden. Oder liegt unter Trümmern.
Eine meiner emotionalsten Begegnungen während meiner Reise war die mit Makis Pagoulatos – obwohl er gar nicht in Khartum war.
Makis ist griechisch-sudanesisch, er wurde vor 70 Jahren im legendären Acropole-Hotel seiner Familie geboren. Das Acropole diente als wichtigster Knotenpunkt für Generationen von Diplomaten, Archäologen, Hilfsorganisationen und Journalisten. Von hier aus wurden unzählige Reisen organisiert, Lieferungen arrangiert, Kontakte vermittelt, Genehmigungen beschafft. Als die zeitlebens umstrittene deutsche Filmemacherin Leni Riefenstahl um das Jahr 2000 bei einem Hubschrauberabsturz in den Nuba-Bergen verunglückte, organisierte Makis’ Bruder George ein Flugzeug für ihre Rettung. Die verletzte Riefenstahl, damals weit über 90 Jahre alt, überstand den Unfall. Wer den Sudan verstehen wollte, landete früher oder später im Acropole. Auch ich zu Friedenszeiten, 2019 und 2022.
Gegründet wurde das Hotel 1952 von Makis’ Vater, später führten Makis und seine Brüder es weiter. Ohne die Familie Pagoulatos und ihr Hotel wüsste die Welt weit weniger über dieses widersprüchliche Land an der Schnittstelle zwischen der arabischen und afrikanischen Welt – über die Herzlichkeit der Menschen, seine jahrtausendealte Geschichte und die Gewalt, die dieses Land seit jeher erschüttert. Jahrzehntelang überstand das Acropole Putsche, Militärregime, Hungersnöte, wirtschaftlichen Verfall – sogar einen Terroranschlag mit sieben Toten. Es passte sich immer wieder an, wie so vieles in diesem Land. Diesmal nicht.
Makis hatte Khartum wenige Tage vor Kriegsbeginn aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Sein Bruder Thanasis, 82, blieb selbst, als die ersten RSF-Kämpfer das Hotel besetzt hatten, stimmte dann seiner Evakuierung durch die italienische Luftwaffe aber doch widerwillig zu. Als die Armee Khartum vor einem Jahr von der RSF zurückeroberte, wurde das Acropole verwüstet zurückgelassen. Und so liegt es bis heute da, wie der gesamte Stadtteil drumrum ohne Strom, Wasser oder Bewohner ist.
Als ich das Hotel betrat, habe ich Makis per Videoanruf zugeschaltet. Er saß in Athen und versuchte, aus der Ferne mit mir die Überreste seines Lebens zu ordnen. Der Boden seines ehemaligen Büros lag unter einer halbmetrigen Schicht aus Papieren, Fotos und zerstörten Möbeln, wie alle 50 Zimmer. Zwischen den Trümmern tauchten einzelne Dinge wieder auf: Fotos seiner Mutter, die über Jahrzehnte die Seele des Hauses gewesen war, alte Dokumente, persönliche Erinnerungsstücke. Am Ende blieben ein paar Dutzend Fotos, einige Dokumente, eine Ikone der Orthodoxen Kirche. Ein Paket von etwas mehr als einem Kilo, das ich später nach Athen geschickt habe. Für Makis war es ein Abschied vom Acropole, eine Rückkehr ist für ihn wegen seiner eingeschränkten Gesundheit nicht mehr realistisch.
Dieses Schicksal teilt er mit Millionen.
Makis ist einer meiner Protagonisten einer langen Reportage aus Khartum, die heute am 3. Jahrestag des Krieges im Print und Online erschienen ist. Wer reinlesen möchte, findet den Text hier:
welt.de/politik/ausland/arti…
Mein großer Dank gilt der Redaktion der
@welt – insbesondere den Ressortleitern der Außenpolitik,
@cturzer und
@volkmannschluck – für die Möglichkeit, diese aufwändige Reise umzusetzen.
Ebenso der Sicherheitsabteilung des Verlages für die wie immer professionelle Betreuung. Dazu dem Sudan-Experten
@GerritKurtz sowie meiner Kollegin
@Patricia_Huon für wichtige Denkanstöße. Und vor allem meinem Fixer und Freund in Khartum Ahmed, ohne den diese Recherche nicht möglich gewesen wäre.