Geschichtsunterricht direkt vor dem sowjetischen Ehrenmal. Eine mutige Frau steht da mit einem handgeschriebenen Pappschild:
„Aug. 39 bis Juni 41: Nazi-Deutschland und Sowjet-Russland waren Verbündete.“ Im Hintergrund die Kränze, schön zu sehen auch der bunte BSW-Kranz mit seinem floskelhaften „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“.
Simone erinnert an das, was in der heldenhaften russischen Befreier-Erzählung sorgsam weggebügelt wird. Hitler und Stalin schlossen am 23. August 1939 den Nichtangriffspakt, in geheimen Zusatzprotokollen teilten sie Osteuropa unter sich auf. Eine Woche später überfiel die Wehrmacht Polen, am 17. September fiel die Rote Armee von Osten ein. Polen wurde gemeinsam zerschlagen, die baltischen Staaten von der Sowjetunion einverleibt, Finnland angegriffen. 22 Monate lang lieferte Stalin dem nazideutschen Reich Getreide, Öl und Rohstoffe, ohne die der deutsche Krieg gegen Westeuropa schwerer geworden wäre.
Erst am 22. Juni 1941 wurde der Verbündete zum Feind, weil Hitler ihn überfiel, nicht weil Stalin sich aus moralischen Gründen gegen den Faschismus stellte. Aus dem Pakt-Partner wurde der spätere Befreier, der von den USA mit allem ausgestattet wurde, was er brauchte. Sich als die unbefleckten Befreier zu gerieren, ist eine ziemlich schlichte Wendung, die in russischer Lesart bis heute zur Mär von den „immer schon Antifaschisten“ Russen verklärt wird.
Was natürlich nicht ausbleiben durfte: Auch Simone wurde von der Polizei angesprochen, sie solle da nicht stehen. Sie hat diskutiert, die Polizei hat irgendwann eingelenkt. Ein Pappkarton mit historischer Wahrheit ist offenbar erstmal verdächtig genug, um polizeilich überprüft zu werden. Während wenige Meter weiter rote Fahnen wehten und die „Internationale“ gesungen wurde, ohne dass jemand zur Klärung herbeigerufen worden wäre.
Henry, der vor Ort war, sagt voraus: Sobald morgen in Treptow viele Russlandfreunde anrücken, wird Simone vermutlich auch dort wieder verscheucht. Man kennt den Reflex inzwischen. Ein Pappschild mit Faktenwissen wiegt offenbar schwerer als ein Fahnenmeer derjenigen, die in Ostdeutschland mal die Herren waren.
Wir hoffen, dass seine Prognose nicht eintrifft. Werden es morgen sehen.
#GedenkenstattPropaganda #wirsindmehr #B0509 🇺🇦