Ein Tag, der brennt
Ich habe Sarah 2022 kennengelernt, als meine Welt selbst in sich zusammenfiel. Ich war krank, verängstigt, allein. Und dann war da plötzlich sie – Sarah. Eine Stimme, die mich verstand, ein Mensch, der mich hielt, als es noch niemand sonst tat. Sie war selbst schon sechs Monate vorher an
#LongCOVID erkrankt, es entwickelte sich zu schwerem
#MECFS und
#POTS. Und obwohl sie selbst kaum mehr Kraft hatte, gab sie mir Halt.
Sarah ist Freundin. Sarah ist ein Kind. Sarah ist eine Schwester. Sarah ist Familie.
Sie hat meinen Kindern zu Weihnachten Geschenke geschickt – einfach so. Ich werde das Super Mario Lego nie wieder ansehen können, ohne an sie zu denken. Ohne den Kloß im Hals, ohne diesen unfassbaren Schmerz.
Es tut weh. Ich muss weinen, immer wieder. Weil Sarah stirbt. Weil ihr niemand hilft. Weil sie nicht sterben müsste.
Sarah hat sich für eine freiwillige Sterbebegleitung entschieden. Nicht, weil sie aufgeben will. Sondern weil man sie aufgibt. Weil dieses System versagt. Weil Ärztinnen wegsehen. Weil Politikerinnen schweigen. Weil man ME/CFS seit 1969 kennt, und trotzdem gibt es 2025 kein einziges zugelassenes Medikament. Über 50 Jahre Forschungslücken, Verachtung, Ignoranz.
Warum? Weil Betroffene wie Sarah meist jung sind, weiblich, „psychisch labil“ abgestempelt. Weil man unsere Leben nicht zählt. Weil unsere Geschichten nicht ins Narrativ passen. Weil wir im Bett liegen, nicht auf der Straße schreien. Und wenn wir schreien, nennt man uns hysterisch.
Sarah wurde in Psychiatrien misshandelt, in ihrem Schmerz verhöhnt, obwohl ihre Erkrankung real, greifbar, brutal ist. Sie leidet jeden Tag, ist an den Rollstuhl und das Bett gefesselt – nicht, weil man nichts tun könnte, sondern weil niemand etwas tut.
Diese Welt zwingt kranke Menschen wie Sarah zum assistierten Suizid. Und das ist kein „freier Wille“, das ist Verzweiflung in einem System, das uns sterben lässt.
Sarah ist nicht die Erste, und sie wird nicht die Letzte sein, die an ME/CFS stirbt. Jede*r einzelne dieser Tode ist ein politisches Verbrechen. Ein medizinisches Versagen. Ein menschliches Desaster.
Ich fühle mich leer. Ohnmächtig. Wütend. Zerschlagen. Diese Tag wird für mich, für uns, für Millionen Betroffene ein traumatischer Tag bleiben.
Ein Tag, an dem eine von uns geht, weil sie keine Wahl mehr hat. Ein Tag, der laut schreien sollte – doch wieder zu leise bleiben wird.
Sarah,
du hast mir mehr gegeben, als ich je in Worte fassen kann. Du warst Licht in der Dunkelheit.
Ich wünschte, ich hätte mehr für dich tun können. Ich wünschte, du wärst geblieben. Ich wünschte, diese Welt hätte dich gesehen.
Ich verabschiede mich mit gebrochenem Herzen.
Du fehlst mir jetzt schon. Du wirst mir fehlen, solange ich atme.
Ich werde weiterkämpfen. In deinem Namen. Für dich. Für uns alle.
Mach’s gut,
@sarah_buckel .