Wenn Kinder unter Druck geraten, nennt man das nicht Freiheit
Es gibt Sätze, bei denen man kurz innehält, weil sie mehr verraten als ein ganzer Grundsatzvortrag. „Druck gibt es immer“ ist so ein Satz. Gesagt bei Markus Lanz, als es um Kinder ging, die während des Ramadan in der Schule fasten und dabei offenkundig auch sozialem Gruppendruck ausgesetzt sein können. Kinder. Nicht erwachsene Gläubige. Nicht selbstbewusste Erwachsene, die freiwillig religiöse Pflichten übernehmen. Kinder. Und genau da liegt der Skandal.
Khola Maryam Hübsch hat sich in der Sendung gegen ein Kopftuchverbot für Mädchen ausgesprochen, obwohl sie selbst einräumte, dass das Kopftuch für Kinder theologisch nicht vorgeschrieben sei. Auf die Frage, ob sie ein Kinderkopftuch verbieten würde, kam kein klares Ja zum Schutz kleiner Mädchen, sondern ein Ausweichvergleich mit Bettelverboten. Später wurde das Thema Kippa ins Spiel gebracht, als ginge es bei der Debatte um irgendeine neutrale Kopfbedeckung und nicht um ein Symbol, das in vielen islamisch geprägten Milieus eben nicht nur fromme Dekoration ist, sondern frühe sexuelle und religiöse Markierung von Mädchen.
Und dann dieser Satz zum Fasten: „Druck gibt es immer.“ Das ist nicht gelassen. Das ist kalt. Denn wenn Kinder in der Schule unter religiösen Erwartungsdruck geraten, wenn sie beim Essen, Trinken, Sport oder Lernen in Loyalitätskonflikte geraten, dann hat der Staat nicht die Aufgabe, das mit Achselzucken wegzumoderieren. Dann hat die Schule die Pflicht, Kinder zu schützen. Nicht die religiöse Ehre der Eltern. Nicht die Empfindlichkeit eines Milieus. Nicht die Talkshow-Karriere religiöser Dauergäste. Kinder.
Kinderärzte warnen seit Jahren davor, dass Ramadan-Fasten für Kinder und Jugendliche gesundheitlich problematisch sein kann, insbesondere wegen des Verzichts auf Flüssigkeit. Sie berichten von blassen, unkonzentrierten Kindern, von Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Zusammenbrüchen. Wer das mit „Druck gibt es immer“ wegwischt, redet nicht über Freiheit, sondern über Wegsehen.
Besonders absurd wird es, wenn ausgerechnet Religionsfreiheit als Schutzschild für alles herhalten soll. Natürlich gilt Religionsfreiheit. Aber Religionsfreiheit ist kein Freibrief, Kinder früh in religiöse Rollenkorsetts zu pressen. In Deutschland gilt nicht ohne Grund, dass ein Kind erst nach Vollendung des vierzehnten Lebensjahres selbst entscheidet, zu welchem religiösen Bekenntnis es sich halten will. Das heißt nicht, dass Eltern vorher keine religiöse Erziehung ausüben dürfen. Aber es zeigt sehr deutlich: Der Staat weiß, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Sie sind abhängig. Sie wollen dazugehören. Sie wollen geliebt werden. Sie widersprechen nicht einfach mal eben dem Vater, der Mutter, der Moschee, der Verwandtschaft oder der Clique auf dem Schulhof.
Genau darum ist das Kinderkopftuch kein harmloses Stück Stoff. Bei erwachsenen Frauen ist es eine persönliche Entscheidung, solange sie wirklich frei getroffen wird. Bei kleinen Mädchen ist diese Freiheit aber oft eine Behauptung der Erwachsenen. Ein sechs-, acht- oder zehnjähriges Mädchen kann nicht mit der Souveränität einer erwachsenen Frau über religiöse Symbolik, Sexualmoral, Familienehre, Gruppendruck und gesellschaftliche Zugehörigkeit entscheiden. Wer so tut, als sei das alles völlig freiwillig, verkauft Abhängigkeit als Selbstbestimmung.
Und deshalb ist auch der Kippa-Vergleich so durchsichtig. Die Kippa sexualisiert kein Kind. Sie transportiert kein Frauenbild, in dem weibliche Haare, weibliche Körper und weibliche Sichtbarkeit als Problem erscheinen. Sie steht nicht in einem weltweiten politischen Konflikt um Verschleierung, Kontrolle und patriarchale Reinheitsvorstellungen. Wer diese Unterschiede einebnet, will die Debatte nicht klären, sondern vernebeln.
Die eigentliche Frage ist aber größer: Warum bekommt jemand mit solchen Positionen immer wieder eine Bühne im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?
Die Antwort ist bitter: Weil solche Stimmen für das deutsche Milieufernsehen perfekt funktionieren. Sie wirken gebildet, ruhig, dialogbereit, integrationsfähig. Sie sprechen die Sprache der Talkshows: Differenzierung, Verdachtskultur, Religionsfreiheit, Antirassismus. Und währenddessen wird der Kern des Problems verschoben. Aus Kinderschutz wird „Islamfeindlichkeit“. Aus Kritik an religiösem Druck wird „Pauschalverdacht“. Aus Sorge vor Parallelgesellschaften wird „Ressentiment“. Aus Islamismus wird plötzlich eine Randnotiz.
Das ist der Trick. Nicht der offene Hassprediger ist für diese Formate interessant. Den kann jeder erkennen. Interessant ist die weichgespülte Verteidigung des religiösen Machtanspruchs im Gewand bürgerlicher Gesprächskultur. Genau das macht solche Auftritte so gefährlich. Nicht, weil jeder Satz extremistisches Gebrüll wäre. Sondern weil problematische Denkmuster salonfähig gemacht werden: Kinderkopftuch? Bitte nicht verbieten. Kinderfasten? Druck gibt es immer. Islamische Vereine unter Beobachtung? Vorsicht, Verdachtskultur. Paralleljustiz? Randnotiz.
Nein. Es ist keine Randnotiz, wenn Mädchen früh lernen, dass ihr Körper verhüllt werden muss. Es ist keine Randnotiz, wenn Kinder im Schulalltag religiösem Druck ausgesetzt sind. Es ist keine Randnotiz, wenn Integrationsbeauftragte aus der Praxis von ultrareaktionären Milieus, Geschlechtertrennung und sogar Eheberatung für sehr junge Mädchen berichten. Und es ist keine Randnotiz, wenn Sicherheitsbehörden vor legalistisch auftretendem Islamismus und der strategischen Nutzung demokratischer Freiheiten warnen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier ein Strukturproblem. Er verwechselt Repräsentation mit Naivität. Er glaubt, er müsse religiösen Funktionären, Verbandsstimmen und islamapologetischen Erklärern ständig ein Mikrofon geben, um „Vielfalt“ abzubilden. Aber Vielfalt ohne klare Wertebasis ist nur Kapitulation mit buntem Etikett. Wer bei Kinderrechten, Frauenrechten und der Trennung von Religion und Staat weich wird, verteidigt keine Vielfalt. Er liefert die Freiheit Stück für Stück an jene aus, die sie taktisch benutzen.
Hübsch ist nach eigenen Angaben regelmäßiger TV-Gast und Interviewpartner, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und seit 2021 im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks als Vertreterin islamischer Verbände. Genau das erklärt den politischen Kern der Sache: Hier geht es nicht um irgendeinen isolierten Talkshowmoment. Hier geht es um Zugänge, Netzwerke, Gremien, Deutungshoheit. Wer immer wieder eingeladen wird, prägt den Rahmen. Und wer im Rundfunkrat sitzt, ist nicht nur Gast im System, sondern Teil seiner Kontrolle.
Schon 2024 gab es nach einem Auftritt bei „Hart aber fair“ Kritik, weil Hübsch bei der Debatte über Kalifat- und Scharia-Begriffe stark relativierend wirkte. T-online berichtete damals, sie habe erklärt, Kalifat und Scharia seien in der islamischen Welt zunächst normale Terminologien; zugleich wurde in dem Artikel auch festgehalten, dass sie Extremisten später ausdrücklich verurteilte. Genau diese Ambivalenz ist das Problem: immer genug Distanzierung, um nicht angreifbar zu sein; immer genug Relativierung, um den Kernkonflikt zu entschärfen.
Man muss sie deshalb nicht pauschal als Person abstempeln. Aber man muss ihre Positionen politisch hart benennen. Wer Kinderkopftücher nicht verbieten will, obwohl er zugibt, dass sie theologisch nicht vorgeschrieben sind, stellt religiöse Milieuschonung über Kinderschutz. Wer Fasten von Schulkindern gegen klare pädagogische und gesundheitliche Bedenken verteidigt, verharmlost religiösen Druck. Wer Islamismus und Paralleljustiz als Randnotiz erscheinen lässt, obwohl Sicherheitsbehörden und Praktiker längst Alarm schlagen, vernebelt eine reale Gefahr.
Und ja: Ob man diese Gedanken islamistisch, islamapologetisch oder religiös-fundamentalistisch nennt, ist fast zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie denselben politischen Effekt haben: Sie verschieben die Grenze des Sagbaren zugunsten religiöser Kontrolle. Sie machen aus Freiheit eine Fassade. Sie erklären den Rückzug des Staates zur Toleranz. Sie lassen Mädchen allein, die vielleicht gar nicht die Kraft haben, Nein zu sagen. Sie lassen Lehrer allein, die in religiösen Konflikten oft ohnehin verunsichert sind. Sie lassen Eltern und Kinder allein, die in diesem Land einfach nur normal, frei und ohne Milieudruck leben wollen.
Der Staat darf nicht neutral sein zwischen Kind und Zwang. Er darf nicht neutral sein zwischen Freiheit und religiöser Einschüchterung. Er darf nicht neutral sein zwischen Rechtsstaat und Parallelordnung. Und ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der aus Beitragsgeldern finanziert wird, sollte nicht ständig genau jene Stimmen adeln, die jeden klaren Schutzmechanismus sofort als Verdacht, Diskriminierung oder Angriff auf Religionsfreiheit framen.
Die Wahrheit ist: Kinder brauchen keine religiöse Markierung. Kinder brauchen Schule, Luft, Wasser, Bildung, Sport, Freundschaft, Schutz und die Freiheit, erst einmal Kind zu sein. Wer ihnen schon früh ein Kopftuch überzieht oder sie zum Fasten in Konkurrenz mit anderen Kindern stellt, erzieht sie nicht zur Freiheit. Er erzieht sie zur Unterordnung.
Und wer das im Fernsehen verharmlost, sollte nicht als mutige Stimme der Vielfalt gefeiert werden. Er sollte hart befragt werden. Immer wieder. Ohne Schonraum. Ohne Watte. Ohne diese unerträgliche deutsche Angst, bei Kritik am politischen Islam sofort in die Ecke gestellt zu werden.
Denn diese Angst ist der Humus, auf dem Parallelgesellschaften wachsen.
Und genau deshalb ist die Frage berechtigt: Warum bekommt diese Person immer wieder eine Plattform?
Weil ein Teil des öffentlich-rechtlichen Betriebs lieber die Augen schließt, als einen echten Kulturkonflikt auszutragen. Weil man dort offenbar lieber mit dem Vorwurf „islamfeindlich“ rechnet als mit dem Vorwurf, Kinder und Frauen im Stich zu lassen. Weil man den bequemen Dialog mit religiösen Funktionären höher bewertet als die unbequeme Solidarität mit den Schwächsten.
Das ist kein Journalismus mit Rückgrat. Das ist betreutes Wegsehen.
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