Mir ist beim Schreiben meines Artikels über BioNTech-Gründer Uğur Şahin (siehe Sonntag) auf einer tieferen Ebene klar geworden, warum mRNA-Technologie als Übergriff auf die menschliche Natur betrachtet werden sollte. Vorweg: Ich habe prinzipiell nichts gegen Medizin, verehre weder Natürlichkeit noch bin ich technikfeindlich eingestellt. Dennoch erkenne ich Grenzen an, die der Mensch nicht überschreiten sollte. Er sollte selbst nicht Gott spielen. Und man muss nicht gläubig sein, um in den Grenzen, die die christliche Lehre schon immer zog, Grenzen zu sehen, die heute drohen überschritten zu werden. Religion kann Wahrheit enthalten, die über ihre konkretisierten Glaubensinhalte hinausweist.
Man sollte ernst nehmen, warum es BioNTech und nicht BioNNature heißt; warum es Biotechnologie und nicht mehr Biologie heißt. Biologie bedeutet „Lehre vom Leben“. Biotechnologie vermischt bereits rein semantisch Leben und Technik. Die mRNA-Injektionen basieren denn auch auf der Vorstellung, dass man das Leben technisch betrachten könne, wobei Technik hier konkret Computertechnik meint, die wiederum auf der Informatik beruht, sprich der „Lehre von der systematischen Verarbeitung von Informationen mit Hilfe von Rechenanlagen“ (TU Berlin). Moderna sprach selbst von mRNA als „Software des Lebens“. Hier verschmilzt also das Denken über Computer mit dem Denken über das menschliche Leben, wobei die Schnittstelle, das verbindende Element, das Prinzip der Information ist.
Um Biotechnologie als adäquate „neue Medizin“ (STERN) zu betrachten, muss man biologische Prozesse als informationsförmig und technisch manipulierbar begreifen. In dieser Annahme liegt meines Erachtens die gefährliche Grenzüberschreitung. Während Arzneien traditionell auf Wirkstoffen beruhen, die im Organismus materiell wirken, basieren die mRNA-Injektionen auf dem Prinzip biologischer Informationsübertragung. Man schleust in sogenannten Lipid-Nanopartikeln ein, was man vorher am Computer programmiert hat: „Baupläne“, die von den Zellen dann ausgelesen werden. Man muss einschleusen, weil der Körper fremde RNA erkennt und instinktiv abwehrt.
Die Biotechniker müssen also den körpereigenen Widerstand umgehen, damit Körperzellen anhand künstlich designter genetischer Sequenzen Proteine produzieren. Die ganze Idee beruht letztlich darauf, dem Körper etwas Künstliches als Natürliches unterzujubeln. Die designte RNA soll vom zellulären Apparat wie körpereigene RNA behandelt werden. Das ist etwas fundamental anderes, als dem Organismus Wirkstoffe zuzuführen, die ihm helfen, ein Krankheitsproblem zu lösen.
Es gibt den guten Begriff der „irreduziblen Komplexität des Lebens“. Ihm wohnt die Einsicht inne, dass ein lebendiges Ganzes nicht in seine Grundbestandteile zerlegt, auf sie reduziert werden kann, um es aus ihnen vollständig erklären zu können. Die Biotechnologie zielt aber genau darauf: Sie will das Leben auf molekularbiologischer Ebene entschlüsseln, um es von dort aus zu gestalten, neu aufzubauen. Dass die mRNA-Technologie trotz jahrzehntelanger Forschung vor Covid in der Praxis nie medizinische Anwendung erreicht hatte, dürfte an eben jener Irreduzibilität liegen, am Scheitern an den inneren Schranken biologischer Komplexität. Der Mensch lässt sich eben nicht auf genetische Informationseinheiten reduzieren. Ihm liegt keine Software zugrunde, die man entschlüsseln und nachbauen könnte.