Waren die germanischen Völker tätowiert?
Die kurze Antwort: Nicht eindeutig beweisbar, wahrscheinlich selten/nicht flächendeckend.
Die tiefergehende Antwort: Die historische Quellenlage besteht hauptsächlich aus Indizien und Vergleichen mit Nachbarvölkern.
Dass die Technik des Tätowierens bekannt war, steht soweit fest. (Ötzi)
Dass man sich bemalt hat, etwa im Krieg oder zeremoniell ist auch recht sicher.
Über permanente Farbe unter der Haut lässt sich mutmaßen.
Der arabische Gesandte Ibn Fadlan beschrieb das Aussehen der Rus-Wikinger detailliert:
Sie seien „von den Nagelspitzen bis zum Hals“ bemalt oder tätowiert mit dunkelgrünen oder blau-schwarzen Mustern, Bäumen und Figuren.
Das arabische Wort, das er benutzt (naqsh), kann sowohl für Malerei als auch für Tätowierung stehen – im Kontext der Dauerhaftigkeit deutet aber fast alles auf Tattoos hin.
Da wir bei diesen Begegnungen weder ein rituelles, noch kämpferisches Szenario haben ist davon auszugehen, dass es sich um Tätowierungen handelt.
Aufgemalte Farbe würde auch die Kleidung beschmieren.
Die Römer hingegen erwähnen Tätowierungen bei ihren Beschreibungen von den frühen Zentralgermanen im Gegensatz zu den Schotten/Pikten aber nicht.
Spätere römische Quellen erwähnen, dass sich manche Stämme im Norden (z. B. Angeln oder Sachsen) „stigmatisieren“ bzw. permanent "markieren" ließen.
Höchst interessant ist dahingehend auch das kirchliche Verbot im 8. Jhd von Tätowierungen explizit als „heidnisches Laster". Warum etwas verbieten, das niemand tut? (Synode von Chelsea 787 n. Chr.)
Die östlichen Nachbarn:
Es gibt archäologische Funde tätowierter Haut von Skythen, welche perfekt im Eis konserviert wurde mit kunstvollen Tierstil-Tattoos. Ein Tierstil, welcher auch bei den germanischen Völkern besonders beliebt war.
Ebenso sieht man therapeutische tätowierte Einstiche zum Zweck der Akupunktur (wie bei Ötzi).
Skythen sind deshalb relevant, da der Kulturtransfer des skythischen zum germanischen Raum so stark war, dass gar griechische und römische Chronisten diese Völker des Nordens und Ostens miteinander vermischten und vertauschten.
Die westlichen Nachbarn:
Julius Cäsar berichtet, dass sich die Britannier mit "vitrum" (Farbstoff) blau färbten.
Die Pikten in Schottland verdanken ihren lateinischen Namen (Picti) direkt der Tatsache, dass sie „die Bemalten/Tätowierten“ waren.
Da Germanen und Kelten jahrhundertelang Tür an Tür lebten und sich stark beeinflussten, ist es schwer vorstellbar, dass diese Praxis an den Germanen spurlos vorbeiging.
Zusammenfassend können wir sagen:
Wer meint, die Germanen waren definitiv von oben bis unten tätowiert wie in Hollywood, betreibt Wunschdenken.
Wer aber fest behauptet, sie kannten und nutzten es gar nicht, ignoriert die historische Realität ihrer Nachbarvölker und die Quellen.
Quellen:
1. Bild: Rekonstruktion von Joan Francesc Oliveras
2. Bild: Historische Illustration von Wayne Reynolds
3/4. Bild: Aus dem Eremitage in Sankt Petersburg