Glasfaserausbau (oder auch nicht) - eine Provinzposse
2022 im Sommer rollen in unserem Viertel die Bagger an und verlegen Erdkabel für Strom (wir hatten Dachanschluss). Als mein Anschluss gemacht wird, bekomme ich noch ein transparentes Rohr hinzu, laut dem netten polnischen Vorarbeiter des Bautrupps "Das ist Glasfaser!"
Da wir das letzte Viertel im Dorf sind (die Arbeiten hatten 2019 begonnen), ist nun scheinbar Zeit für die Vermarktung gekommen. Eine mir unbekannte Firma "teranet" plakatiert im ganzen Ort und und weist auf eine Zielmarke 40 Prozent von Glasfaser-Anschlüssen hin, die unbedingt erreicht werden müsse. Ich fühle mich an Wahlplakate vor irgendeiner Schicksalswahl erinnert. So kurz nach Corona schon wieder alle unbedingt solidarisch?
Irgendwann steht ein junger Mann von der Glasfaserfirma vor der Tür, mit einem kleinen Faltblatt in der Hand. Er hat leider keine Ahnung, was er da eigentlich verkaufen soll, kann keine Nachfrage beantworten, etwa was es kosten soll, ob da TV mit drin ist usw. Ich hake das für mich ab, eigentlich reicht mir mein Kabel-TV mit 100 Mbit-Internet.
Gut zwei Jahre später, im Frühjahr 2025, klingelt unerwartet ein netter junger Mann an der Tür. Unitymedia ist nun Vodafone, und für einen Fuffi gibts nun Internet mit 1 Gbit/s und ein schönes TV-Paket dazu. Was will der Kunde mehr, Tarif gesenkt und Leistung erhöht, gekauft wie gesehen. Das Glasfaserrohr baumelt weiterhin im Keller.
Kurz danach wird wieder plakatiert, diesmal von der Netztochter der EnBW "NetCom BW". Und wieder klingelt es an der Tür. Ich hätte die einmalige Chance, endlich Glasfaser zu bekommen, wenn sie es schaffen 40 Prozent der Haushalte zu gewinnen. Unterschreibe ich nicht jetzt, koste der Anschluss "in zwei Jahren" 5.000 Euro. Ich erzähle meine Geschichte und weise auf meinen frischen Vertrag mit Vodafone hin, und wir sind uns einig, daß hier am Ort "viel schiefgelaufen ist". Ich lehne dankend ab. Bei der Gelegenheit erfahre ich, daß 2022 nur Leerrohre verlegt wurden.
Neugierig geworden recherchiere ich Folgendes zusammen:
- Die Kabelverlegung fand im Zeitraum 2019 bis 2022 statt
- Die teranet hatte zwar ab Ende 2022 bis Sommer 2023 erfolgreich vermarktet und ausreichend "Vorverträge" abgeschlossen, aber anscheinend nie ein funktionsfähiges Netz installiert
- Der Gemeindeverband hat daraufhin gekündigt und 2024 die NetCom BW als neuen Partner gewonnen
- 40% der Haushalte sollen nun ein weiteres Mal Vorverträge mit 24 Monaten Laufzeit unterschreiben,
- Der "Baustart" (?) soll 2027 sein
- Da die Vorverträge mit der teranet nicht mit der Gemeinde, sondern mit jedem einzelnen Haushalt abgeschlossen wurden, sollen sich diese "nun selbst entscheiden, ob sie diese kündigen wollen"
Aber was soll's, wir haben ja noch Zeit:
"Die Region Stuttgart hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 allen Firmen in Gewerbegebieten und 90 Prozent der Privathaushalte eine Anschlussmöglichkeit an das Glasfasernetz zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten die Gigabit Region Stuttgart und die Breitband-Zweckverbände der Landkreise mit verschiedenen Telekommunikationsunternehmen zusammen."