Wie verliert man 90.000 EUR mit offenen Augen? Hier ist eine meiner Lektionen als Business Angel... 👀💸
Wie einige von euch wissen, investiere ich als Business Angel in StartUps. Ich habe dabei sehr viele positive Erlebnisse gehabt und viele smarte Gründer kennengelernt.
Einige hatten wirklich Bock auch auf nicht-monetäre Hilfe. Andere eher nicht so.
Und in einigen habe ich mich sehr getäuscht.
Prinzipiell habe ich bei early stage investments drei Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit ich investiere:
Erstens: die Gründer überzeugen mich und ich glaube an sie als Menschen. Das ist das Wichtigste.
Denn: Ideen wandeln sich mit der Zeit, treffen auf Marktrealitäten, werden komplett verworfen und neu gedacht. Auf einmal verkauft man ein völlig anderes Produkt in einem ganz anderen Markt, als man noch vor 2 Jahren dachte, weil man es besser gelernt hat. Die handelnden Personen sind der wichtigste Faktor dafür.
Zweitens: Die Produktidee muss mich catchen. Es gibt objektiv viele gute Produktideen da draußen. Aber wenn mich die Idee subjektiv nicht catched, bin ich nicht dabei.
Drittens: Ich muss das Gefühl haben, dass ich einen Beitrag, einen Mehrwert leisten kann. Wenn ich einfach nur Geld investieren möchte, kaufe ich noch eine Immobilie oder ein paar Aktien. Dafür brauch ich keine Pre-Seed Invests.
Heute möchte ich euch eine Auszug aus der Geschichte eines StartUps erzählen, dass gescheitert ist. Das ist nichts Schlimmes. Das passiert ständig. Schlimm daran ist etwas anderes. Die Sache ist schon einige Jahre alt, also nichts zu Aktuelles.
Gegründet wurde das StartUp von zwei jungen Damen, die ziemlich viel Eifer, Feuer und Leidenschaft für das Gründen und ihr Thema hatten.
Sie hatten die Idee, dass sie tagsüber ungenutzte Flächen in Co-Working Spaces verwandeln wollten. Zum Beispiel: Restaurants und Bars, die tagsüber geschlossen haben. Die Idee war absolut nicht blöd.
Der Wirt kriegt einen Zusatzverdienst für eine Ressource, die er in dem Moment sowieso nicht nutzt. Prima. Die Mädels überzeugten mich. Sie konnten meine Hilfe an einigen Ecken gebrauchen. Es war ein Fit für mich.
Ich investierte 90.000 EUR in die Idee und die Gründerinnen.
Es lief einige Zeit gut an. Corona kickte zwischendrin mal bissi fies ins Geschäft rein und sorgte für einige Sorgenfalten auf der Stirn der Damen. Aber insgesamt wurden einige Hürden gut gemeistert. Bis es dann an die Expansion in weitere Städte gehen sollte.
Wir unterhielten uns einige Male darüber. Es war ein neuer Standort in einer weiteren Großstadt gefunden. Er blieb leer.
"Es kommen einfach keine Leute ran."
"Was versuchst Du denn?"
Mir wurde viel über Klicks und Impressions von Werbung erzählt und i nirgendwelchen Grafiken rumgemacht.
"Ich hab den Marketingspent bei Meta und Google auf 300 EUR hochgeschraubt. Aber es kommen keine Platzbuchungen."
"Am Tag?"
"Ne, im Monat."
Uff. Da hatte ich das erste Mal ein merkwürdiges Gefühl.
Ich setzte einen Call mit den beiden auf und wollte ihnen helfen ein wenig in die Spur zu kommen. Man verkopfte sich hier meiner Meinung nach zu sehr auf ein paar schöne Marketing KPIs in irgendwelchen Google und Meta Dashboards und glaubt, dass das das Business wäre.
Ich schlug vor, dass man da mal hin fährt und vor Ort schaut, was man reißen kann. Die Idee fand keinen zu großen Anklang.
Im nächsten Meeting und nach mehr Marketing KPIs und dem Versuch da rein zu lesen, warum irgendwas nicht so läuft, wie man es sich wünscht, sagte ich "Du brauchst 20 regelmäßige Besucher Deines Standorts, damit der läuft. Bitte, setz Dich in den Zug dahin, druck Dir 200 Flyer mit einem 20% Gutschein aus und lauf das gesamte Viertel ab. Jeden Dude, den Du in irgendeinem Cafe, beim Bäcker, auf der Straße oder sonstwo mit einem Notebook sitzen siehst, soprichst Du mit Deinem wundervollsten Lächeln an und sagst 'Hi, ich bin Christiane, eine der Gründerinnen von XYZ und wir haben gerade einen neuen Co-Workingspace hier im Viertel gelaunched. Ich würd Dich gerne einladen, dass Du Deinen ersten Tag hier bei uns umsonst arbeiten kannst und dir einen 20% Gutschein geben für Deinen zweiten Besuch.' und ich garantiere Dir, dass Du in 2 bis 3 Tagen Deine Flyer los bist und der Standort voll ist."
Das wollte man nicht so richtig hören. Das wäre keine skalierbare Methode und man wäre nicht interessiert daran DIESEN Standort voll zu kriegen, sondern an einer nachhaltigen und replizierbaren Mehtoden JEDEN neuen Standort voll zu kriegen. Ich sagte "Ja, genau so kriegste im Zweifel jeden Standort ans laufen. Probier es halt einfach, was hast Du zu verlieren?"
Ich war ziemlich gepisst. Sie waren es glaube ich auch. Am Ende machten sie es nicht.
Der Standort wurde nix. Andere Standorte in anderen Städten auch eher nicht .Man versuchte noch einige Pivots und versuchte die Flächen auch als Meetingräume etc. zu vermarkten. Fand danke einiger Kontakte 😉 einen großen Einkaufszentrumsbetreiber , mit dem man Leerstände entsprechend nutzbar machen wollte.
Daraus wurde leider am Ende nichts. Der Laden machte zu. Meine 90.000 EUR waren verloren.
Ich hatte Fehler gemacht bei diesem Investment. Es gab auch externe Probleme für die niemand effektiv etwas konnte. Aber vornehmlich habe ich den Fehler gemacht, dass ich die beiden Gründerinnen falsch eingeschätzt habe. Ich hatte von den anfänglichen Calls immer noch Aufzeichnungen und schaute sie mir erneut an. Und tatsächlich: ich hätte gewisse Charaktereigenschaften in den ersten Calls erkennen können. Ich hab mich allerdings von zwei starken Damen ablenken lassen. Ich wollte, dass die beiden erfolgreich sind. Ich war verzaubert von dem Konzept und habe damals schon Nutzungskonzepte für leerstehende Ladenflächen in Fußgängerzonen gesehen. Ich war in die Idee verliebt und habe die Idee über die Gründerinnen gestellt. Ich habe unbewusst die Warnzeichen ignoriert, weil mir die Idee gefiel.
Am Ende bleibt: ein 90.000 EUR teures Learning 😂
Was für Learnings habt ihr schon beim Investieren gemacht?