Und ich spiele sehr gerne mit.
Der Artikel beginnt bei belastbarer Physik, endet aber in einer übergewissen Ursachenerzählung, die zentrale CERES-Befunde zu ASR, OSR, Wolken und Aerosolen ausblendet. Es war eventuell methodisch unglücklich, einen Artikel von 2020 als aktuellen Beleg zu verwenden, weil gerade die nachfolgenden CERES-Auswertungen zeigen, dass die jüngere Zunahme der Energieaufnahme stark über steigende ASR läuft — also genau über den Teil der Bilanz, den diese vereinfachte Darstellung nicht sauber behandelt. Aber im Einzelnen:
1) Beim CO₂-Forcing muss man zwischen Strahlungsantrieb und Rückkopplungen trennen. Die oft zitierte Myhre-Zahl von ca. 3,7 W/m² pro CO₂-Verdopplung ist nicht die direkte Erwärmung, sondern ein Forcing. Für den Schritt von 420 auf 560 ppm ergibt meine MODTRAN-All-Sky-Berechnung, die ich inzwischen über HITRAN-Linien nachvollziehen kann, nur etwa 1,03 W/m². Die reine Planck-Antwort darauf liegt bei rund 0,3 °C. Nimmt man Wasserdampfrückkopplung und Lapse-Rate hinzu, ist Wasserdampf natürlich ein positiver Rückkopplungseffekt; der negative Lapse-Rate-Feedback kompensiert ihn aber teilweise. Netto verstärkt sich die Planck-only-Antwort grob um Faktor 1,5 bis 1,7, also eher auf etwa 0,5 °C — nicht auf mehrere Grad.
2) Warum 560 ppm? Dieser Wert ist keine exakte Prognose, sondern eine plausible Prüfgröße. Er entspricht ungefähr einer Verdopplung gegenüber dem vermuteten vorindustriellen CO₂-Niveau von rund 280 ppm und liegt deutlich über dem heutigen Wert, aber nicht am oberen Rand extremer Hoch-Emissions-Szenarien. Man kann 560 ppm als Welt lesen, in der fossile Kohlenstoffe noch erheblich weiter genutzt werden, aber nicht unbegrenzt. Technische Konkurrenz, Kosten und wirtschaftliche Substitution machen 560 ppm plausibel: keine zentral gesteuerte Vollbremsung, aber auch kein extremes „Weiter so“ bis zum oberen Rand aller fossilen Möglichkeiten.
3) Auch Wissenschaftler machen Fehler. Das gilt auch für Arrhenius. Ångström warf ihm im Kern vor, aus zu groben und überlappenden Spektraldaten zu weitreichende quantitative Schlüsse über die CO₂-Absorption gezogen zu haben. Das sei, „wie es Hr. Arrhenius versucht hat, nicht erlaubt“. Ångströms eigene Sättigungsfolgerung ist mittlerweile gut widerlegt. Aber sein methodischer Einwand bleibt interessant. Genau diesen Punkt kann man heute in modernen Line-by-Line-Rechnungen nachvollziehen: Behandelt man bei der Umsetzung von HITRAN-Linien die CO₂-Linienflügel zu großzügig, etwa durch zu breite Lorentz-/Voigt-Flügel oder ungeeignete Wing-Cutoffs, kann die berechnete CO₂-Wirkung gegenüber einem MODTRAN-All-Sky-Lauf deutlich zu groß werden.
4) Option 2 praktisch auf Schnee, Eis und Oberflächenalbedo zu reduzieren, ist unvollständig. Loeb et al. 2024 geben für CERES 03/2000–12/2022 einen globalen ASR-Trend von 0,71 ± 0,19 W/m² pro Dekade und einen NET-Trend von 0,45 ± 0,18 W/m² pro Dekade an. Li et al. 2024 finden für reflektierte Solarstrahlung 2001–2021 Trends von −0,83 W/m² pro Dekade in der Nordhemisphäre und −0,62 W/m² pro Dekade in der Südhemisphäre; das entspricht global grob 0,7 W/m² pro Dekade zusätzlicher absorbierter Solarstrahlung. In der Nordhemisphäre zerlegen sie den Rückgang der reflektierten Solarstrahlung in Wolken −0,44, klare Atmosphäre −0,22 und Oberfläche −0,17 W/m² pro Dekade. In der Südhemisphäre dominiert die Wolkenkomponente mit −0,66 W/m² pro Dekade. Der klare Atmosphärenanteil wird ausdrücklich mit geringerer Aerosolstreuung verbunden.
5) Auch der Satz „Seit Jahrzehnten verläuft die globale Erwärmung nun schon so, wie von den Klimaforschern vorhergesagt“ ist zu pauschal. Richtig ist: Viele frühe Temperaturprojektionen lagen grob im Bereich der veröffentlichten Messwerte. Daraus folgt aber nicht, dass Klimamodelle einfach seit Jahrzehnten durchgehend bestätigt worden wären. IPCC AR6 sagt selbst, dass CMIP6 einen breiteren und tendenziell wärmeren Bereich projiziert als die bewertete IPCC-Spanne; ein Grund ist der höhere Anteil von Modellen mit hoher Klimasensitivität. Hausfather, Marvel, Schmidt, Nielsen-Gammon und Zelinka nannten das 2022 in Nature ausdrücklich das „hot model problem“: Der IPCC verwendet nicht einfach den rohen CMIP6-Mittelwert als Prognose, sondern gewichtet Modelle mit zusätzlicher Evidenz.
6) Die Grafik ist als didaktisches Bild zu grob. Sie suggeriert, die heutige Erwärmungsbilanz lasse sich im Wesentlichen als großer anthropogener Langwellen-Balken gegen Sonne und Vulkane darstellen. Das unterschlägt den wichtigsten CERES-Befund: Die jüngere Zunahme der Energieaufnahme ist stark durch steigende absorbierte Solarstrahlung geprägt. Wolkenrückgang, Aerosoländerungen und Albedoänderungen gehören deshalb sichtbar in die Bilanz. Vulkane daneben zu stellen ist für den langfristigen Trend wenig hilfreich, weil Vulkan-Aerosole kurzlebige Ereignisse sind und keinen dauerhaften positiven Trend liefern. Der sinnvolle Vergleich ist nicht „Mensch gegen Sonne gegen Vulkane“, sondern: Wie viel kommt über OLR, wie viel über ASR? Der CERES-Befund: Die Erde nimmt seit 2000 vor allem deshalb zusätzlich mehr Energie auf, weil weniger kurzwellige Sonnenstrahlung reflektiert wird; die beobachtete Langwellenseite kompensiert diesen ASR-Anstieg teilweise, statt ihn im CERES-Trend zu verstärken. Wer nur CO₂-Forcing gegen Sonne und Vulkane stellt, lässt den zentralen beobachteten Kurzwellenteil der jüngeren Energiebilanz verschwinden.
Fazit: Der Artikel trifft den groben Rahmen. Mehr Energie im Klimasystem kommt aus einer veränderten Strahlungsbilanz, macht daraus aber eine zu selbstgewisse CO₂-Erzählung. Gerade die neueren CERES-Befunde zeigen: Wer heute nur CO₂-Forcing gegen Sonne und Vulkane stellt, erklärt die aktuelle Imbalance daher unvollständig und blendet Wolken, Aerosole und Albedoänderungen aus.