Wie wenig wir auf die Nutzung von KI vorbereitet ist (bisschen länger, aber hoffentlich trotzdem aufschlussreich):
Seit einigen Tagen steht Mario Voigt, Ministerpräsident Thüringens im Verdacht sowohl in Reden als auch für einen Gastbeitrag der FAZ Künstliche Intelligenz genutzt zu haben.
Soweit, so alltäglich in wahrscheinlich fast jedem deutschen Büro. Ob die 100%ige Übernahme eines von KI generierten Texts, ohne inhaltliche Überprüfung, dem Anspruch eines Ministerpräsidenten an die Kommunikation mit seinen Wählerinnen und Wählern genügt, kann man in Frage stellen und der Wähler wird sich dazu wahrscheinlich ein eigenes Urteil bilden.
Was in jedem Fall offensichtlich wird, ist ein unreifer Umgang mit der neuen Technologie. Denn - was ist passiert: Die KI hat Zitate von Wissenschaftlern herbeiphantasiert. Einfach gesagt: Zitate erfunden, die es so nicht gibt. Das Phänomen ist nicht neu, auch wenn es bei fortgeschritteneren Modellen weitaus öfter passiert als bei alten Modellen. Mit guten Systemprompts versucht man dies zu verhindern, es ist aber eben nicht zu vermeiden. Deswegen gehört zur Nutzung von KI immer eine Überprüfung von Zitaten und Quellen und das Hinterfragen der Ergebnisse. Letzteres übrigens insbesondere auch deshalb, weil die KI ihrem Nutzer gefallen will. Auch hiergegen gibt es geeignete Strategien, die man sich in Erfurt vielleicht mal zu eigen machen will.
Heute wird diese unreife Nutzung von KI allerdings noch einmal übertroffen. Von niemandem geringerem als dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, der in der Welt einen "Meinungsbeitrag" zur Verteidigung Voigts publizierte - geschrieben zu 100% von KI. Nicht redigiert, nicht geprüft, vielleicht im Inhalt noch nicht einmal verstanden. Dafür mit einem dicken Vorwurf an die Kollegen der FAZ versehen: sie führen einen kulturpessimistischen Kampf gegen technische Innovationen, wie früher die Maschinenstürmer gegen die Industrialisierung. Seine These: Gastbeiträge und Reden von Politikern würden sowieso von PR-Beratern oder Ghostwritern geschrieben (ich spare es mir, hier die eher aufwendige Arbeit der Erstellung eines Gastbeitrags zu erklären)
Was er dabei komplett ausblendet - oder die KI ihm nicht gesagt hat: Innovationen können sich nur durchsetzen, wenn sie in einem klaren Regelwerk und mit deutlichen Leitplanken genutzt werden.
Die Industrielle Revolution führte zu Arbeitsschutzgesetzen. Das Auto zu Führerschein, Verkehrsregeln und TÜV Prüfungen. Finanzmärkte zu Aufsichtsbehörden. Und IT-Innnovationen führen eben zum Datenschutzrecht.
Die Forderung, KI-generierte Texte transparent zu kennzeichnen, ist wichtig, damit diese Technologie überhaupt Vertrauen gewinnen kann, weil Menschen deren Ergebnisse einordnen können.
Und wenn es wirklich so belanglos wäre, ob ein Text von einem Menschen oder einer KI geschrieben werden, wie Döpfner zur Verteidigung Voigts vorbringt: Warum ist der Text in der WELT dann als KI-generierter Text transparent gekennzeichnet?
Döpfner widerlegt damit sein eigenes zentrales Verteidigungsdokument.
Er hätte sich das prompten sparen können.