Als Corona kam, dachte ich
„Jo, bald wird’s ne Impfung geben. Beim Rausgehen ne Maske und generell mehr auf Abstand achten, bekommen wir ja wohl hin.“
Daraus wurde dann
„Chips in der Impfung, um uns alle gleichzuschalten! mRNA ist der Feind, das hab ich auf TikTok gelernt! Impfen ist der Feind! Masken sind der Feind! Der Staat ist der Feind! Die Virologen sind der Feind!“
Heute, Jahre später, längst angekommen im postfaktischen Zeitalter, mit Trump, KI, der AfD, … weiß ich, dass Menschen alles glauben, wenn dabei nur ein Feindbild für sie rausspringt und sie Verantwortung abgeben können.
Dass diese zarte Kruste von Zivilisation noch viel dünner ist als gedacht. Dass Menschen kurz davor waren, sich für Klopapier oder Nudeln an die Gurgel zu gehen.
Dass zwei Wochen mal kein Strom oder kein fließendes Wasser in den Bürgerkrieg führen würden.
Wir tun immer so, als hätte die kulturelle Evolution, der Fortschritt, dass wir heute Fernseher aus Flüssigkristallen bauen können, irgendetwas an den biologischen Determinismen geändert.
Als könnte jeder von uns einen Fernseher aus Flüssigkristallen bauen.
Als wären wir die Krone von irgendwas.
Das für mich Ironische daran ist, dass diese Leistungen alle nur in Kooperation möglich sind. Niemand da draußen kann so einen TV alleine bauen.
Alleine sitzt jeder von uns ganz schnell wieder in der Höhle. Oder verhungert.
Wir haben es als mehr oder minder domestizierte Affen an einen Punkt geschafft, an dem (fast) niemand frierend und hungernd in der Höhle sitzen muss. Juhu, es lebe die Zivilisation!
Die biologischen Unterschiede von uns heute zum modernen Menschen, der vor 300.000 Jahren erstmals auftauchte, sind graduell. Aber es war genug Zeit, um das Internet, die Glotze, die Wärmepumpe und die Atomuhr zu erfinden, gemeinsam.
Corona und alles, was danach kam, haben gezeigt, wie verletzlich und bedroht unsere Errungenschaften sind.
Und dass zu einem ehrlichen Menschenbild gehört, dass etwas wie Trump, Schwurbel, AfD, Impfverweigerer oder Klopapierkriege sehr leicht möglich sind.
Wir waren vom Internet überfordert, wir waren und sind es von Social Media, wir sind es von KI.
Wir sind überfordert von dem, was wir „erreicht“ haben. Die Technik überholt unsere Möglichkeiten, die Dinge zu verstehen.
Es wird die nächsten Jahre noch viel schlimmer werden. Hier und da werden ein paar Leute rufen, dass wir eine Kennzeichnungspflicht brauchen. Das wird verlaufen wie die Hate Speech Debatte.
Irgendwer wird rufen, das Internet sei kein rechtsfreier Raum. Es wird faktisch weiter ein rechtsfreier Raum bleiben mit Jugendschutz wie „sind Sie 18, klicken Sie ja oder nein (oder wählen Sie einfach gleich das passende VPN)“.
Smartphone-Zombies schon in der Grundschule, weil die Kinder doch Medien-Kompetenz brauchen.
Menschen, die nun auf Bildern die Finger zählen, weil ihn sonst nichts mehr bleibt, um zu erkennen, ob es ein Fake ist oder nicht, ihre eigene „Bildung“ auf Basis von TikTok produziert hier keine Intuition mehr, keine Einordnungbarkeit, die auf geprüften Fakten beruht.
Es wird immer schneller immer leichter, Propaganda in die Welt zu setzen, die von der Realität nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Menschen fressen das mit dem großen Löffel.
Alles andere wird diskreditiert, LügenPresse, der böse ÖRR.
MeinungsHegemonie, Elon baut gerade ein alternatives Wikipedia mit alternativen Fakten.
Wenn man mich fragt, wann ging es mit uns so richtig bergab, würde ich Corona nennen. Da wurde sie mir erstmals richtig bewusst, als es drauf ankam, als Vernunft Priorität hätte sein müssen, als Miteinander unsere Stärke hätte sein müssen:
Unsere heillose Überforderung.