Lieber Oliver C.,
ich hoffe, dir geht’s gut, dass du noch lebst und dass du ein gutes Leben hattest und hast.
Wir haben uns aus den Augen verloren, damals Ende der Achtziger, als ich umzog, nein, wegzog, von dir, meinem besten Freund.
Niemand dachte an Handys oder „das Internet“, SMS, Flatrates, das Telefonieren war teurer und meine Eltern hätten es mir nicht erlaubt.
Die Distanz von Waldsee nach Gönnheim ist heute nicht der Rede wert, damals war sie unüberbrückbar.
Wir waren zehn Jahre alt, kurz vor dem Übergang zur weiterführenden Schule, alles war aufregend und durcheinander, das Leben hielt den Finger auf der Vorspultaste, für Briefe blieb keine Zeit, Erinnerungen verblassten.
Und dennoch, deswegen schreibe ich hier, für dich, mehr für mich, du wirst es niemals lesen, hab ich dich bis heute nicht vergessen und gerade in den letzten elf Jahren oft an dich gedacht.
So alt ist meine Tochter nun, so alt wie wir es damals waren.
Als wir uns zum Murmelnspielen trafen.
Ich glaube, das machen die Kinder heute gar nicht mehr.
Als ich auf der großen Wiese neben eurem alten Haus in eine Dorne getreten bin und deine Mama sie mir aus dem Fuß gezogen hat.
Als wir in deinem alten Zimmer saßen und uns gegenseitig gezeigt haben, wie der andere schläft, ich bin noch immer Bauchschläfer.
Ihr habt dann gebaut. Ein schönes großes Haus. Du hattest dein Zimmer unterm Dach. Und in einem Schrank hattest du eine große Sammlung von Was ist Was Büchern. Auch die Dinosaurier.
Wir waren nie bei mir, aus Gründen, kein einziges Mal.
Was ist Neid?
Dieses Gefühl, das ich damals hatte, als wir umgeben von deinen Was ist Was Büchern in deinem neuen Zimmer in eurem neuen Haus saßen, es war so eindrücklich, dass ich mich heute noch gut daran erinnern kann.
Es war nie das Gefühl, dass ich nicht möchte, dass du das hast, im Gegenteil, auch heute noch freue ich mich darüber, wenn andere etwas Schönes haben, es beruhigt mich, es gibt mir auch ein gutes Gefühl.
Aber damals war es mehr als das.
Es war im gleichen Moment sowohl die Freude darüber, dass du, mein bester Freund, so ein schönes Zuhause hast und all diese Bücher, als auch eine tiefe Sehnsucht danach, diese Ruhe, diese Sauberkeit, diese Ordnung, diese Geborgenheit auch zu haben.
Ich habe dieses Gefühl und diese Sehnsucht nie vergessen.
Heute lebt meine Tochter so wie du damals. Sie wächst in Liebe und Geborgenheit auf. In Sauberkeit und Ordnung. Mit Büchern.
Und genau wie für dich damals ist das ihr Normal. Eine Welt, die sie nicht anders kennt.
Gerade das erfüllt mich mit unendlicher Demut.
Alles Gute, Oliver!
🦖