SCHLAFLOS IN SCHNELLRODA
@seidwalk hat recht: „Es ist ja immer der Anfang, der erste Satz, an dem es hängt. Der kommt von irgendwoher, selten von mir, und alles andere spinnt sich daraus hervor.“
Also schauen wir, wie die „Weiße Nacht“ beginnt:
„Im vergangenen Sommer kam es zu einer seltsamen Begegnung an der Haustür.“
Mit dieser Signatur öffnet Kubitschek das hundertste Kaplaken Band.
In der Biografieforschung spricht man von der „Signatur der ersten Begegnung.“ Gemeint ist, daß in der ersten Begegnung zweier Menschen das Leitmotiv ihrer Beziehung als offenbares Geheimnis enthalten ist. Im ersten Treffen erscheint das Thema, welches sich durch ihr ganzes Leben zieht – vom Vorhang auf bis zum letzten Ton.
Zum Leitmotiv der „Weißen Nacht“ gehören demnach seltsame Begegnungen an Haustüren, die uns jemand aus seinem eigenen Sommer erzählt.
Die Haustür: Man bleibt kurz stehen beim Bild. Eine Schwelle. Meist zu. Dann für einen Moment offen. Etwas geht raus, etwas kommt rein, streift sich, wird sichtbar – und schon ist sie wieder zu. Kubitschek schreibt genau von diesem Dazwischen. Der Grenzerfahrung. Dem zwielichtigen Zwischenraum.
Nicht richtig drinnen, nicht richtig draußen. Da, wo das Vertraute noch nicht aufhört und das Fremde noch nicht richtig losgeht.
(Einmal beim Lesen blieben meine Augen zwischen zwei Zeilen hängen. Auf dem weißen, unbeschriebenen Blatt. Das erlaubt dieses Buch: Zwischen den Zeilen zu verweilen und abzusinken ohne abzudriften.)
Es gibt einen Bewusstseinszustand, der weder wachen noch schlafen ist. Man nennt ihn Meditation. Ich habe ziemlich viel Zeit in diesem Labor der Meditation verbracht.
„Weiße Nacht“ ist übrigens eine ziemlich gute Beschreibung für die Erfahrung, die ein Meditierender macht. Denn das mystische Dunkel des Prä-Rationalen wird in der Meditation ebenso verwunden, wie das taghelle Licht der Rationalität. Meditation fällt also nicht hinter das Rationale zurück und ist dennoch nicht rational - sondern verwindet auch das Rationale: Hinauf zum Trans-Rationalen.
Es gibt in meinem inneren Bücherschrank nur wenige Bücher, die in dieser Höhe aufgestellt sind - eine lichte Höhe, die sich paradoxer Weise dadurch auszeichnet, daß sie gleichermaßen eine abgründige Tiefe ist. So paradox eben, wie weiße Nächte, in denen „die Bedingungen von Planung und glatter Ausrechnung nichts zählen.“
In dieser kurzen Würdigung will ich nicht auf den Inhalt, auf die Figuren, Ereignisse und Erlebnisse der Wanderung eingehen, die in Kubitscheks Geschichten auftauchen, verweilen und verschwinden. Dies alles soll sich jeder selbst erlesen.
Es gibt Bücher über drinnen und über draußen. Es gibt weltliche Bücher und Bücher über den Weltinnenraum. Alles hat seinen Ort und seinen Platz.
Aber die Schwelle selbst hat keinen Ort und keinen Platz und lädt nicht zum Niederlassen ein. Die Schwelle verbindet Welten, ist aber selbst auch Zwischenwelt und Riß.
Aus diesem unmöglichen Raum erzählt der Autor konkrete Geschichten mit seltsamen Begegnungen. Plötzlich erlebt man, daß der tiefste Sinn von Sprache nicht darin liegt, Dinge zu benennen, sondern darin, das Unbenennbare zu erzählen.
Kubitschek erzählt fleischige, geballte, lebendige, schwitzige, witzige, fluchende, spannende Geschichten. Nichts an ihnen ist jedoch gewöhnlich, aber auch nichts gekünstelt.
Die Geschichten werden von jemandem erzählt, der den Mut hat, dort zu stehen, wo nur die Wenigsten zu stehen wagen: Neben sich.
„Vielleicht muss man wissen, wie es ist, auf diese Weise neben sich zu stehen, um zu begreifen, warum wir das Leben verkennen, wenn wir an der Oberfläche bleiben und den Riß in der Zeit, die jähe Aushebung der offensichtlichen Logik, nicht nutzen, um in die Tiefe zu steigen, uns in sie hineinfallen zu lassen.“
Um zu sehen, was Kubitschek sieht, darf man weder wach sein, noch schlafen. Es ist ein Buch für Schlaflose. Und das Auge, das der Schlaflose in der weißen Nacht sieht, ist das Auge, das ihn sieht.