1/2 Der erste Teil dieses Beitrags beziehungsweise der dargestellten wissenschaftlichen Analyse ist kompletter Schwachsinn, der zweite Teil hingegen sehr bedenkenswert und schockierend.
Beim ersten Teil frage ich mich wirklich, wie man als Wissenschaftler, ohne zu lachen, gewissermaßen im selben Absatz sagen kann: Die AfD habe ihren Zulauf der schärferen Einwanderungspolitik der Union zu verdanken, um dann zu beklagen, die relevanten Themen der AfD würden von den übrigen Parteien gar nicht angesprochen, sie seien da abwesend.
Ich bin sicher, das ist kein Fall, in dem der Interviewte einfach nicht gemerkt hat, was für einen Unsinn er redet. Er hat es schlicht nicht übers Herz gebracht, seine Meinung und seine Arbeit voneinander zu trennen. Das ist sehr schade.
Was den zweiten Teil nicht irrelevant macht, denn seine Analyse ist in einem Punkt – jedenfalls in Ostdeutschland – richtig. Mindestens nach meiner Beobachtung ist es dort tatsächlich so, dass zwei gegenläufige Bewegungen existieren. Einerseits lässt sich nicht leugnen, dass die AfD zumindest in den Umfragen immer besser und besser wird. Es scheint im Augenblick gar kein Halten nach oben zu geben. Und das ist weder wissenschaftlich noch anekdotisch oder persönlich mit einer zunehmenden Radikalisierung der Bevölkerung zu erklären. Denn wie hier ganz zutreffend dargestellt wird: Je nach Definition von „radikal“ und je nach Region ist das Potenzial der wirklich radikal denkenden Leute – die am Ende bereit sind, auf den Rechten anderer herumzutrampeln, und sei es auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Freiheit oder Leben – mit einem Wert von 10 bis 25 Prozent (maximal) ausgeschöpft. Die Umfragewerte der AfD liegen aber teils weit darüber.
Das muss deshalb besorgt machen, weil wir dabei etwas erleben, was es in anderen radikalen Parteien längst gibt. Gleichzeitig wird nämlich – und auch dieser Teil der Analyse ist richtig – die Partei selbst immer radikaler, und zwar nach innen. Das heißt: Das, was in den inneren Zirkeln gesprochen wird; was die Entscheidungsträger sagen; die politischen und persönlichen Programme derer, die nach außen treten – auch wenn sie dort Kreide fressen – und was sie im Hinterzimmer sagen, was sie wirklich denken. Diese Denkweisen werden im Grunde immer extremistischer.
Wer mal kurz von der AfD wegzoomt, kann das bei der Linkspartei sehen. Die hat sich von einer sozialen Bewegung zu einer antisemitischen, identitätspolitischen Hasspartei entwickelt, die sich klar gegen das bestehende System stellt, und zwar an allen Fronten. Nach innen ist das ganz klar: Die Partei wurde immer radikaler, und dort haben Leute das Sagen übernommen, gegen die Petra Pau und Gregor Gysi wie konservative Politiker wirken. Trotzdem gilt: Nach außen wird TikTok gemacht, eine ganze Generation aus der Mitte herausgezogen, weil sie irgendwie glaubt, hier gehe es um ein soziales Projekt. Und die Wählerstimmen steigen und steigen.
Wer diesen Mechanismus gesehen hat, kann ihn auf die AfD eins zu eins anwenden; nur hat es da einen noch gruseligeren Anstrich. Denn wo hat man das gehört, schon einmal: man holt die enttäuschte, frustrierte, ja von Existenzängsten geplagte Mitte der Gesellschaft ab, während man sich nach innen mit einer brutalen, menschenverachtenden Führerideologie immer weiter radikalisiert.
Genau das ist ja das, was die nationalsozialistische Bewegung in den späten 20er-Jahren erfolgreich geschafft hat. Niemand kann bestreiten, dass der Erfolg der Nationalsozialisten im Elektorat darauf beruhte, dass sie es geschafft haben, Leute von sich zu überzeugen, die bei weitem nicht so radikal gedacht haben wie ihre Führungseliten. Dazu muss man keine Nazi-Vergleiche anwenden, wie das Beispiel der Linken zeigt. Das ist eine extremistische Wachstumsstrategie, wenn man an die Macht kommen will.
Jeder, der solche Parteien wählt, sollte sich klarmachen: Ich mag frustriert sein darüber, dass sich nichts bewegt.
/2
tagesspiegel.de/politik/afd-…