In den Uffizien ist mir etwas bewusst geworden:
Wir haben ein völlig anderes Bild von historischer Kunst als unsere Eltern und Großeltern. Denn bis vor ca. 30 Jahren kannte man die klassischen Bildwerke nur in ihrer patinierten, warmtonigen und kontrastgedämpften Version.
Durch einen neuen konzeptionellen Ansatz beim Restaurieren und durch neue Techniken sehen wir heute diese Bilder so, wie ihre Urheber sie gemalt haben: Kühler, präziser, farbstärker, kontrastreicher. Das verändert die ganze Wahrnehmung davon, was und wie Kunst war – und damit sogar was und wie die Menschen waren. Es zeigt auch die Unterschiede zwischen den Epochen und Schulen viel deutlicher. Mit anderen Worten: Die alte Kunst wird lebendig. Gleichzeitig ist sie aber ihrer Geschichte beraubt.
Es gab und gibt da unter Restauratoren einen Diskurs. Die (ältere) Schule von Riegl betont den Alterswert, d.h. den historischen Werdegang des Werkes bis heute. Es betrachtet die Spuren des Alters als wertvollen Teil des ästhetischen Erlebnisses.
Die (neuere) Schule von Alpers betont den Geschichtswert, d.h. die Art des Werkes zu seiner Entstehungszeit. Sie versucht die Wirkung und die Absicht des Werkes in seiner Zeit zu verstehen und sie betrachtet die Altersspuren als Hindernis dabei.
Brandi versucht, den Restaurator in die Verantwortung zu stellen, um einen maximal wertvollen Kompromiss aus beidem zu finden. Da es dafür aber keine objektiven Kriterien gibt, ist das eine gefährlich individuelle Sache.
Welche der drei Schulen hat eure Sympathien?
Was bedeutet das für andere Gestaltungsbereiche (z.B. Architektur)?
(Botticelli vor und nach der Restaurierung.)