ich respektiere jedes Menschen persönliche Positionierung zu diesen - letztlich nicht deduktiv entscheidbaren - Fragen nach dem "ob" und "wie/was" eines etwaigen, metaphysischen, transzendentalen oder spirituellen 'Seinshintergrundes'.
Für mich stand im Zentrum dieses Teils unserer zivilisatorischen und kulturellen Grundlagen aber nicht primär ein utiliaristisches Konzept (die 'Krücke' ist ja eine mgl. Metapher eines solchen - mindestens vorübergehend - benötigten o. 'brauchbaren' Hilfsmittels),
sondern ich glaube, dass auch die Fragen nach den Grenzbereichen unseres möglichen Erkenntnishorizontes, nach dem 'woher', 'wohin' und 'wozu', also nach Ursprung, Ziel und Sinn dieses seltsamen evolutionären Prozesses der Entstehung von Leben und - gegen die 'Gesetze' der Thermodynamik - einem faktisch darin feststellbaren, steten Zuwachs an Information und 'Geist' und Organisiertheit (statt der eigentl. erwartbaren Zunahme von Entropie) der Materie im Kosmos(,/:) dass diese Fragen also gewissermaßen zur 'conditio humana', zur seelischen / psychischen, geistigen und kulturellen Grundverfassung des Menschen irgendwie dazuzugehören scheinen?
Es ist der Menschheit (insgesamt) - offenbar - anscheinend nicht möglich, nicht auch über die Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit und über die Grundbedingungen des Lebens nachzudenken.
Die kulturell und zivilisatorisch einzigartige Qualität des christlichen 'Angebotes' eines solchen 'Sinn-Hintergrundes' besteht m.A.n. unter anderem auch darin, dass es (das Angebot) außer einer sehr grundlegenden Entlastungszusage und dem daraus begründeten Liebesgebot (fast) keinerlei verbindliche, diesseitige Ordnungsfestlegungen vorschrieb:
Keine Staatsform, keine Rechtsvorschriften, keine Machtansprüche: Dieser explizite 'Machtverzicht', der in den frühesten christlichen Quellen (im krassen Gegensatz zum Islam) bereits in einer Hand voll Stellen festgeschrieben war, ermöglichte, nachdem die Reformation die eigenen Quellen wieder bekannt und verfügbar gemacht hatte und den Zugang (durch Übersetzung & Buchdruck) 'demokratisiert' hatte, genau das, was in den eigenen Quellen angelegt war:
Die Trennung der Wahrheits- von der Machtfrage, die Emanzipation des eigenen Gewissens (und der eigenen Überzeugung) des Individuums von jeder staatl. u. kirchl. Autorität: Die Liberalität der Aufklärung hätte sich ohne diese Grundlegung weniger leicht entwickeln & durchsetzen können.
Das historische, in ganz Europa damals sehr wach wahrgenommene 'Fanal' dazu war wohl der von Luther 1521 unter Lebensgefahr auf dem Reichstag zu Worms gegenüber Kaiser und Klerus verweigerte Widerruf mit Berufung auf die Quellen, eine valide Argumentation (wörtl.:" klare Vernunftgründe") und das eigene Gewissen (sinngem.: wenn ich nicht mit Beweisen Argumenten ... überzeugt werde, so kann ich vor meinem Gewissen nicht widerrufen, wörtlich: "weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen")
Insofern hat der zivilisatorische Aufbruch der Neuzeit, der im 'christlichen Abendland' diese besondere, einzigartige Mischung aus Neugier (Wissenschaft), Freiheit (Liberalität), Individualität und Humanität (Menschenrechte und Menschenwürde) hervorgebracht hat genau diese drei (notwendigen) Voraussetzungen und 'Beiträge' gehabt und benötigt:
Der zivilisatorische Aufbruch der Neuzeit bestand also aus drei sich gegenseitig bedingenden und begründenden Aufbruchbewegungen: Aus Renaissance, Reformation und Aufklärung und wäre ohne alle drei wohl kaum vorstellbar...
Ich habe immer eine atheistische Position vertreten und Religion als Krücke verstanden. Heute sage ich, dass es ohne diese „Krücke“ nicht geht. Ein Kontinent wie Europa, der kulturell, identitär durch den wachsenden Einfluss des Islams so unter Druck gesetzt wird, braucht einen spirituellen Gegenentwurf, der die Menschen vereint.
Ich dachte immer, die Liebe zum Liberalismus kann die Religion ersetzen, aber die meisten Menschen müssen anders erreicht werden. Das ist ein Kulturkampf. Und der muss auch religiös-weltanschaulich geführt werden.