# Die große NGO-Show der Union – und was wirklich übrig bleibt #
Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen. Im Februar 2025, einen einzigen Tag nach der gewonnenen Bundestagswahl, schickte die Unionsfraktion jene berühmte Kleine Anfrage mit 551 Punkten an die Bundesregierung. Correctiv, Omas gegen Rechts, Amadeu-Antonio-Stiftung, BUND, Campact, Attac, Deutsche Umwelthilfe – die komplette Armee der staatsalimentierten Weltverbesserer wurde abgefragt. Schattenstrukturen, hieß es. Parteipolitische Einflussnahme mit Steuergeld. Verstoß gegen die demokratische Grundordnung. Merz selbst verteidigte die Aktion damals noch öffentlich. Man kannte das aus der Opposition, das klang mutig, das klang nach Aufräumen, das klang nach einem Ende der rot-grünen Förderorgie.
Gut ein Jahr später steht die Bilanz, und sie ist für jeden, der der Union geglaubt hat, ein einziger Tritt in den Magen.
## Das große Versprechen – und die winzige Einlösung ##
Nehmen wir den Prüfstein, den die Union selbst hingelegt hat: das Programm „Demokratie leben!“, dieses ideologische Biotop, aus dem seit Schwesigs Zeiten jährlich dreistellige Millionenbeträge in jene Vereine flossen, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, den bürgerlichen Teil dieses Landes zum Verdachtsfall zu erklären. 191 Millionen Euro in diesem Haushalt. Gefördert werden rund 3000 Einzelmaßnahmen. Familienministerin Prien hat angekündigt, man werde kürzen, umbauen, neu ausrichten. Geld solle künftig eher an Feuerwehren, Sportvereine, Berufsschulen und Bibliotheken gehen statt an die üblichen Verdächtigen.
Klingt vernünftig. Ist aber bei genauerem Hinsehen eine Luftnummer. Die Mittel sinken im nächsten Jahr überhaupt nur, weil das Ministerium insgesamt 200 Millionen einsparen muss – also nicht aus Überzeugung, sondern weil der Finanzminister knüppelt. Rund 200 Projekte laufen zum Jahresende aus, der Rest zieht weiter. Amadeu-Antonio, Correctiv, HateAid, BUND – die Leuchttürme des staatlich bezahlten Aktivismus bleiben im Fördertopf, solange sie ihre Projektanträge hübsch neu etikettieren. Merz sagte in der Regierungsbefragung ehrlich, dass es „ein erwünschtes Ergebnis“ sei, wenn die eine oder andere Organisation künftig „vielleicht nicht mehr ganz so bedacht wird“. „Vielleicht nicht mehr ganz so bedacht.“ Das ist die sprachliche Kapitulation einer Partei, die vor einem Jahr noch von Schattenstrukturen gesprochen hat.
Und das im Übrigen auch nur, weil Prien es überhaupt gewagt hat, etwas anzukündigen. Die SPD rumort bereits, der Koalitionspartner ist alarmiert, und man kann sich ausmalen, was von den großen Worten noch übrig bleibt, wenn der Haushalt 2026 tatsächlich durch den Bundestag geht. Wer im vergangenen Februar gehofft hat, es käme zum Kahlschlag in dieser ideologischen Parallelverwaltung, hat Merz nicht zugehört. Oder sich eingeredet, er meine es diesmal ernst.
## Gemeinnützigkeit? Ein unantastbares Heiligtum ##
Am bezeichnendsten ist, was gerade nicht geschieht. Die eigentliche Stellschraube wäre das Gemeinnützigkeitsrecht. Dort ist, schwarz auf weiß, festgeschrieben, dass die Tagespolitik nicht im Mittelpunkt der Tätigkeit einer steuerbegünstigten Körperschaft stehen darf. Daran halten sich Campact, Attac und Konsorten ungefähr so strikt wie ein Alkoholiker an die Warnhinweise auf der Wodkaflasche. Ein Verein, der Tag für Tag in Dauerkampagnen gegen demokratisch gewählte Regierungen zieht, dessen gesamtes Geschäftsmodell politische Mobilisierung ist, trägt ein Gemeinnützigkeitssiegel, das ihm obendrein steuerabzugsfähige Spenden sichert. Das ist keine Grauzone. Das ist ein Missbrauch.
Eine echte Reform wäre nicht schwierig. Man müsste präzisieren, was steuerbegünstigte Zwecke sind und was nicht. Man müsste ein Verfahren schaffen, in dem der Status regelmäßig überprüft wird. Man müsste die Finanzämter verpflichten, genauer hinzuschauen. Im Koalitionsvertrag steht – Überraschung – nichts davon. Die angestrebte Klarstellung, heißt es lapidar, sei „nicht konsensfähig vereinbart worden“. Übersetzt: Die SPD wollte nicht, und der Union war es nicht wichtig genug.
## Die Retourkutschen-Taktik statt Prinzip ##
Statt einer echten Ordnungspolitik bekommen wir Retourkutschen. Das prominenteste Beispiel ist die Posse um die „Radikalen Töchter“, deren Förderung über 287.000 Euro plötzlich vom Innenministerium gestoppt wurde, ohne Begründung, gegen das Votum der eigenen Fachbeamten der Bundeszentrale für politische Bildung, die das Projekt inhaltlich positiv bewertet hatten. Der Zufall will es, dass die Gründerin kurz zuvor eine Petition gegen Merz' „Stadtbild“-Äußerungen initiiert hatte. Das Ministerium wollte auf Anfrage keine Begründung liefern und verwies auf ein schwammiges „Letztentscheidungsrecht“.
Inhaltlich wäre es durchaus möglich, die „Radikalen Töchter“ nicht mit Steuergeld zu alimentieren. Der Verein gehört genau in jene Kategorie, die dort nichts zu suchen hat. Aber die Begründung dafür müsste lauten: Wir fördern grundsätzlich keine politischen Kampagnenvereine mehr. Sie lautet stattdessen: Wir bestrafen jemanden, der gegen den Kanzler petitioniert hat. Das ist kein Prinzip, das ist Mief. Das ist die Logik des Kleinen Mannes, der im Amt aufgewachsen ist. Und es gibt den Vereinen, die man austrocknen will, genau jene Märtyrererzählung, die sie zum nächsten Spendenrekord schreibt.
## Die Schattenpolitik im eigenen Haus ##
Und nun zum unangenehmsten Teil, zu dem, worüber bei Anne Will nicht geredet wird. Die Union führt die NGO-Debatte, als sei sie selbst frei von Verflechtungen. Das ist eine bemerkenswerte Chuzpe.
Die parteinahen Stiftungen kassierten 2024 zusammen 687,5 Millionen Euro an öffentlichen Geldern. Die Konrad-Adenauer-Stiftung, rechtlich unabhängig, faktisch ein CDU-Instrument, unterhält weltweit 111 Auslandsbüros, in denen sie mit – Überraschung – „politisch nahestehenden Parteien und Organisationen“ zusammenarbeitet. Seit Januar 2026 wird sie geleitet von Annegret Kramp-Karrenbauer, die formal als Unabhängige kandidierte und doch natürlich CDU durch und durch ist. Zum Vorstand gehören der amtierende Bundeskanzler Merz, mehrere Landesminister, CDU-Funktionäre am laufenden Band. Eine Struktur, die Programmarbeit, Wahlkampfstrategie, Stipendien, internationales Netzwerken und Nachwuchsförderung für die Partei leistet – finanziert aus der Staatskasse, ohne dass irgendjemand auf die Idee käme, das eine „Schattenstruktur“ zu nennen.
Dazu kommt der Wirtschaftsrat der CDU. Ein rechtlich selbstständiger Lobbyverband, der dennoch seit Jahrzehnten einen ständigen Sitz im Parteivorstand der CDU beansprucht – ein Arrangement, das so skurril ist, dass es vor einiger Zeit sogar vor dem Parteigericht landete, weil ein einzelnes Mitglied dagegen klagte. Hier sitzt nicht irgendein Think Tank, hier sitzen Vertreter konkreter Branchen- und Unternehmensinteressen und reden bei der Kandidatenaufstellung, bei Parteitagsanträgen, bei personellen Weichenstellungen mit. Und zwar nicht als Gast, sondern als strukturell verankerter Teil der Parteispitze.
Wer also über „indirekte politische Einflussnahme mit Steuergeld“ reden will, der sollte mit der eigenen Stiftungslandschaft anfangen. Wer über „Schattenstrukturen“ reden will, sollte erklären, warum ein privater Wirtschaftslobbyverband per Satzung zum Parteivorstand gehört. Dass die Union das nicht tut, ist erwartbar. Dass sie sich aber hinstellt und Correctiv die Hose runterzieht, während sie selbst in Unterhosen dasteht, ist das Gegenteil von Glaubwürdigkeit.
## Warum das Ganze trotzdem wichtig ist ##
Nichts von alldem heißt, dass der Befund der 551 Fragen falsch war. Er war und ist richtig. Das System staatlich finanzierter Kampagnenvereine, die ihre ideologische Agenda mit Steuergeld vor sich hertragen und zwischen den Wahlkämpfen jene Parteien bekämpfen, die ihnen politisch nicht passen, ist ein Missstand, der in einer echten Demokratie längst beendet wäre. Dass im Familienministerium Gelder an Vereine im Umfeld von Milli Görüs geflossen sind, dass ausgerechnet ein Islamismus-Präventionsprojekt einen Hamas-Sympathisanten als Redner einlud, dass der Bundesrechnungshof bereits 2022 festgestellt hat, das Programm „Demokratie leben!“ habe keine klaren Ziele und sei nicht kontrollierbar – all das schreit nach Konsequenzen. Die Diagnose der Union stimmte. Nur die Therapie bleibt aus.
Das ist das Muster dieser Koalition in allen großen Fragen. Man erkennt das Problem, man benennt es in der Opposition vollmundig, und sobald man regiert, wird es zu 15 Prozent angepackt und zu 85 Prozent verwaltet. Beim Bürgergeld dasselbe. Bei der Migration dasselbe. Bei der Energiepolitik dasselbe. Und eben auch bei der NGO-Frage.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass die Union zwar bereit ist, den rhetorischen Kampf gegen die links-grüne Zivilgesellschaftsindustrie zu führen, sobald sie davon im Wahlkampf profitiert. Sobald es aber darum geht, tatsächlich an die Strukturen heranzugehen – am Gemeinnützigkeitsrecht zu schrauben, die Förderprogramme durchzukämmen, die eigenen Stiftungspfründe und Lobbyistensitze zur Disposition zu stellen – verliert die Partei jeden Mut. Da ist dann plötzlich Koalitionsraison wichtig. Da ist „Konsens“ wichtig. Da wollen Merz, Prien und Dobrindt nicht mehr „Trumpsche Verhältnisse“ auslösen.
Man kennt das Spiel. Die Union will Applaus für den scharfen Ton und Ruhe vor den Folgen der eigenen Ankündigungen. Sie will die empörten Schlagzeilen in den bürgerlichen Medien und zugleich die Zustimmung der SPD. Sie will die 551 Fragen und die 191 Millionen Euro für „Demokratie leben!“. Sie will den Anti-NGO-Wähler bedienen und das Kanzleramt sorgfältig durch die nächsten vier Jahre tragen.
Es wird nicht funktionieren. Jeder, der im Februar 2025 das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht hat, merkt gerade, dass diese Regierung genau jene Substanzlosigkeit verkörpert, die die alte Merkel-Partei so unerträglich gemacht hat. Das gigantische NGO-Versorgungsnetzwerk wird diesen Kanzler überleben. Und er wird, wenn man ihn in drei Jahren danach fragt, mit bedauerndem Gesichtsausdruck von schwierigen Mehrheiten reden.
Die Ernüchterung kommt schneller, als viele gedacht haben.
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