Das Freilandexperiment unter meinem NSDAP-Post: eine kleine Taxonomie der Fluchtbewegungen und viele rechte Schneeflocken 🧪👇
Mein Ursprungspunkt war eigentlich ziemlich übersichtlich:
Warum behaupten Rechte, Rechtsextreme und AfD-nahe Accounts eigentlich so erbittert, Hitler, die NSDAP und der Faschismus seien „links“ gewesen?
Meine These war:
Weil der Trick funktioniert.
Wer seine politische Heimat am rechten Rand hat, kann mit diesem Framing die historische Verantwortung für den Nationalsozialismus bequem auf den politischen Gegner verschieben.
Hitler wird kurzerhand für links erklärt und schon ist die extreme Rechte nicht mehr Erbin dieser Geschichte, sondern stilisiert sich selbst zum Opfer.
Der zynische Bonus:
Man kann politische Gegner anschließend als „die eigentlichen Faschisten“ diffamieren.
Ein historisches Argument ist das natürlich nicht. Es ist ein rhetorisches Entlastungsmanöver.
Und was danach in den Kommentaren passierte, war weniger eine Debatte als ein unfreiwilliges Freilandexperiment. Quasi rhetorisches Taubenschach mit Publikum. Danke euch Rechten und Rechtsextremen dafür. 🙏
Wichtig vorab:
Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Konservative oder jeder Rechte automatisch rechtsextrem wäre. Das war nie die Aussage aber manche Schneeflocken lesen das hartnäckig hinein. 😄
Der Punkt war deutlich enger:
Dieser Mythos „Hitler/NSDAP/Faschismus waren eigentlich links“ wird besonders häufig im rechten, rechtsextremen und AfD-nahen Milieu verbreitet und zwar mit einer erkennbaren Funktion.
Er soll die historische Verantwortung der extremen Rechten rhetorisch auf den politischen Gegner verschieben. Und exakt diese Funktion wurde in den Kommentaren live vorgeführt.
1. Der Etikettentrick
„Aber sie hießen doch NationalSOZIALISTEN!“
„Hitler nannte sich Sozialist!“
„Goebbels sagte Sozialismus!“
„Da steht es doch auf dem Plakat!“
Ja. Und Nordkorea heißt Demokratische Volksrepublik.
Die DDR hieß Deutsche Demokratische Republik.
Und ein Zitronenfalter faltet keine Zitronen.
Parteinamen, Propaganda und Selbstetiketten ersetzen keine Ideologieanalyse. Das die NSDAP sozial klingende Begriffe benutzte, beweist nicht, dass sie links war. Es beweist, dass Propaganda funktioniert.
Sogar noch 100 Jahre später. Respekt an Goebbels. Der Mann arbeitet offenbar im posthumen Homeoffice weiter und Rechtsextreme fallen auch heute noch reihenweise auf ihn rein. 😄
2. Die „viel Staat = links“-Formel
Ein weiterer Klassiker:
„Die Nazis hatten viel Staat!“
„Die Wirtschaft war gelenkt!“
„Es gab Sozialpolitik!“
„Kollektivismus!“
„Also links!“
Das ist analytisch ungefähr so solide wie:
„Der Staat baut Autobahnen, also ist Asphalt Marxismus.“
Nach dieser Logik wären Bismarcks Sozialgesetze, Kriegswirtschaften, absolutistische Monarchien, Militärdiktaturen und vermutlich das Ordnungsamt Wanne-Eickel alles linksextreme Projekte.
Historische Ideologieanalyse funktioniert aber nicht nach:
viel Staat = links
Diktatur = links
Sozialpolitik = Marxismus
Bürokratie = Lenin
Sonst wäre der TÜV die Avantgarde der Weltrevolution.
3. Die Autoritarismus-Verwechslung
Sehr beliebt war auch:
„Unterdrückung ist immer falsch!“
„Opposition verbieten ist schlimm!“
„Extremismus ist immer gefährlich!“
„Links und rechts ist egal!“
Ja. Danke. Mutige These. Unterdrückung ist schlecht. Gewalt ist schlecht. Diktatur ist schlecht. Wasser ist naß. Nur ersetzt diese allgemeine Erkenntnis nicht die konkrete historische Einordnung.
„Autoritär“ beschreibt eine Herrschaftsform.
„Links“ oder „rechts“ beschreibt die Ideologie dahinter.
Stalinismus war linksautoritär. Die NSDAP dagegen war rechtsextrem-faschistisch. Beide können mörderisch sein, ohne deshalb dieselbe Ideologie zu sein. Aber genau diese Unterscheidung war offenbar für einige Kommentierende ungefähr so schwer zugänglich wie ein PDF-Formular des Bürgeramts.
4. Die Projektion
Besonders häufig kam:
„Aber die heutigen Linken nennen doch alle Nazis!“
„Ich werde als Nazi beschimpft!“
„Ihr wollt Opposition verbieten!“
„Ihr seid doch selbst wie 1933!“
Spannend. 🙂
Ich schrieb: „Die NSDAP war historisch rechtsextrem.“
Viele lasen offenbar: „Ich persönlich möchte Sie morgen früh mit Ledermantel abholen lassen.“
Das ist keine Antwort auf meinen Post. Das ist Projektion mit Blaulicht. 😄
Wer die historische Einordnung der NSDAP als rechtsextrem sofort in eine Fantasie über die eigene Verfolgung übersetzt, bestätigt meinen Ursprungspunkt präziser, als ich es selbst je hätte formulieren können, danke auch dafür. 😉
5. Der Strohmann
Auch schön:
„Sie sagen also, alle Rechten seien Nazis!“
„Sie setzen Konservative mit Rechtsextremen gleich!“
„Sie wollen jede abweichende Meinung verbieten!“
Nein.
Ich schrieb von Rechten, Rechtsextremen und AfD-nahen Accounts, die einen bestimmten Mythos verbreiten. Eine Aufzählung verschiedener Gruppen ist keine Gleichsetzung.
Wenn ich schreibe: „Äpfel, Birnen und Kirschen liegen im Obstkorb“, behaupte ich nicht, dass Birnen heimlich Äpfel mit Fruchtidentitätsstörung sind.
Aber gut. Wer dringend beleidigt sein möchte, findet auch in einer Obstschale noch Totalitarismus.
6. Die Torpfostenverschiebung
Sobald man die zentrale These wiederholte:
„Die NSDAP war ultranationalistisch, völkisch, rassistisch und militant antimarxistisch“
kam zuverlässig:
„Aber was ist mit der DDR?“
„Was ist mit Stalin?“
„Was ist mit Mao?“
„Was ist mit der Antifa?“
„Was ist mit China?“
„Was ist mit heutigen Linken?“
„Was ist mit meinem Nachbarn, der mich mal Nazi genannt hat?“
Das Tor wurde während des Spiels so oft verschoben, dass es inzwischen vermutlich auf einem anderen Kontinent steht.
Natürlich kann man über Stalinismus, Maoismus, DDR, China, Antifa, Parteienverbote, heutige politische Sprache und schlechte Erfahrungen auf X sprechen. Nur ändert nichts davon die historische Einordnung der NSDAP. Die NSDAP wird nicht dadurch links, daß Stalin ebenfalls Verbrechen beging. Hitler wird nicht dadurch links, dass jemand auf X unhöflich war. Und Faschismus wird nicht dadurch „eigentlich links“, daß man „aber die anderen!“ sehr laut ruft.
7. Das Ad Hominem als Ersatzargument
Einige kamen ganz direkt:
„Ungebildet!“
„Depp!“
„Sie haben nichts verstanden!“
„Taubenschach!“
„Große Klappe!“
„Correctiv-Stil!“
„Systemschwimmer!“
„Sie sind unbewaffnet!“
Das ist natürlich immer ein starkes Zeichen für argumentative Substanz. Wenn jemand statt Gegenanalyse nur noch persönliche Abwertung liefert, ist das ungefähr der Moment, in dem der Airbag der Debatte ausgelöst hat.
Denn „du bist doof“ ist keine historische Kategorie. Auch nicht mit drei Ausrufezeichen.
8. Die Verschwörungs-Abzweigung
Dann wurde es kurz folkloristisch:
„NWO!“
„Freimaurer!“
„Jesuiten!“
„BlackRock!“
„GEZ-BRD!“
„Globalisten!“
„Taliban!“
„Klimairre!“
„Kalifat!“
An dieser Stelle war der Thread nicht mehr Diskussion, sondern ein politisches Wimmelbild. Man musste nur noch den kleinen Marx mit der roten Mütze suchen.
Auch hier wieder: Nicht mal der Versuch einer Gegenanalyse zur NSDAP. Keine saubere Definition von Faschismus. Nur ein wildes Assoziationsbuffet aus allem, was im eigenen Weltbild irgendwie dunkel leuchtet.
9. Die selbstgebastelte Tabellenwissenschaft
Ein besonderes Highlight war die Tabelle:
„NS-Standpunkte im Vergleich: Sozialisten, Konservative, Libertäre.“
Mit roten Pluszeichen, grünen Feldern und der intellektuellen Strahlkraft eines PowerPoint-Fiebers um 2:37 Uhr.
Da stand dann sinngemäß:
großer Staat = sozialistisch
Bürokratie = sozialistisch
Wehrpflicht = sozialistisch
Zensur = sozialistisch
Propaganda = sozialistisch
Parteiverbote = sozialistisch
Nach dieser Methode kann man jede beliebige Ideologie in jede beliebige andere verwandeln, wenn man nur vorher die Kategorien passend zusammenklebt.
Das ist keine Geschichtsanalyse. Das ist politisches Excel-Voodoo.
10. Die Fake-Zitat-Fraktion
Natürlich durfte auch Goebbels nicht fehlen.
Ein angebliches Zitat, wonach die NSDAP „die deutsche Linke“ gewesen sei, wurde wie eine heilige Reliquie herumgereicht.
Das Bemerkenswerte daran: Ausgerechnet Leute, die sonst erklären, man dürfe AfD und NSDAP niemals vergleichen, greifen plötzlich begeistert zum angeblichen Goebbels-Zitat, um die NSDAP als Autorität für politische Selbsteinordnung zu verwenden.
Goebbels, der Propagandaminister, als Kronzeuge der Wahrheit. Das ist keine Argumentation. Das ist Selbstsatire mit Stahlhelm.
11. Die DAF-Bildchen
Dann kamen Bilder mit Hitler-Zitaten über Sozialismus an DAF-Blöcken.
Kleines Problem: DAF steht für Deutsche Arbeitsfront.
Also jene NS-Zwangsorganisation, die gegründet wurde, nachdem Hitler die freien Gewerkschaften zerschlagen, Streiks verboten und Gewerkschafter verfolgt hatte.
Ein Propagandaspruch an der Fassade der Organisation, die die Arbeiterbewegung gleichgeschaltet hat, soll also beweisen, dass Hitler links war. Das ist ungefähr so überzeugend wie ein Werbeplakat der Tabakindustrie als Lungenfachgutachten.
12. Die „Faschismus ist einfach Zwang“-Definition
Einige versuchten es mit:
„Faschismus ist, wenn man anderen seine Denkweise aufzwingt.“
Das klingt zunächst scharf, ist aber historisch so präzise wie ein Vorschlaghammer in der Uhrmacherwerkstatt. Denn darunter fielen dann Stalinismus, Maoismus, Theokratien, religiöser Extremismus, Militärdiktaturen, Sekten, autoritäre Familienstrukturen und wahrscheinlich jede Eigentümerversammlung kurz vor der Heizkostenabrechnung.
Faschismus ist historisch keine allgemeine Bezeichnung für „jemand ist streng“ oder „jemand zwingt andere“.
Er hat konkrete ideologische Merkmale:
Ultranationalismus
völkisches Denken
Führerkult
Antipluralismus
Antiegalitarismus
Gewaltkult
Antiliberalismus
Antimarxismus
Und genau deshalb wird die NSDAP historisch als rechtsextreme faschistische Bewegung eingeordnet.
13. Die große Pointe
Das wirklich Faszinierende war:
Fast alle wollten über alles reden nur nicht über die naheliegende Schlussfolgerung. Ihr sind alle erkennbar und sich selbst entlarvend ausgewichen.
- Nicht über: Die NSDAP war ultranationalistisch.
- Nicht über: Die NSDAP war völkisch.
- Nicht über: Die NSDAP war rassistisch.
- Nicht über: Die NSDAP war militant antimarxistisch.
- Nicht über: Die NSDAP verfolgte Sozialdemokraten, - Kommunisten und Gewerkschaften.
- Nicht über: Die NSDAP zerschlug die Arbeiterbewegung.
- Nicht über: Die NSDAP wurde und wird deshalb historisch als rechtsextreme faschistische Bewegung eingeordnet.
Stattdessen kam:
„Aber Stalin!“
„Aber Mao!“
„Aber heutige Linke!“
„Aber AfD-Verbot!“
„Aber Nordkorea!“
„Aber China!“
„Aber Musk trollt!“
„Aber ich wurde Nazi genannt!“
„Aber Goebbels hat gesagt!“
„Aber Correctiv!“
„Aber Freimaurer!“
„Aber GEZ!“
„Aber Tabelle!“
„Aber viel Staat!“
„Aber Katze Katze Katze!“
Kurz gesagt war jeder einzelne Kommentar eine Live-Demonstration meines Ursprungsposts. 😂
Ich schrieb:
Viele Rechte, Rechtsextreme und AfD-nahe Accounts versuchen, den Faschismus nachträglich als links umzudeuten, um historische Verantwortung rhetorisch auf den politischen Gegner zu verschieben.
Die Drukos antworteten:
„Faschismus ist links, weil Staat, Hitler, Goebbels, Mao, Stalin, Antifa, DDR, China, ich wurde beleidigt, Correctiv, NWO und eine Tabelle mit Pluszeichen.“
Danke für die empirische Bestätigung. Mehr Feldforschung war wirklich nicht nötig. 👍😎
Das Anschauungsmaterial findet ihr hier. 👇
x.com/ScherhagThomas/status/…