Heute ist in der
@BILD ein großer Artikel über das Sterben der Innenstädte, aufgehängt am Aus eines Elektroladens.
Ich finde es gut, dass das Öffentlichkeit bekommt. Denn es ist tatsächlich eines der großen Themen, über die in vielen Städten seit Jahren geredet wird, ohne dass wirklich grundlegend umgedacht wird.
Denn zur Wahrheit gehört: Für die meisten kleineren und mittleren Städte, ja sogar für viele Großstädte, ist das Konzept der Innenstadt als reine Einkaufsmeile tot.
Die Vorstellung, dass Menschen am Samstagvormittag in die Stadt fahren, dort von Geschäft zu Geschäft ziehen, ihre Kleidung, Elektrogeräte, Bücher, Schuhe und Haushaltswaren kaufen und anschließend noch einen Kaffee trinken, war lange prägend. Aber diese Welt kommt nicht zurück. Jedenfalls nicht in der alten Form.
Der Onlinehandel hat das Einkaufsverhalten verändert, die großen Ketten haben viele Innenstädte austauschbar gemacht. Die Mieten sind vielerorts zu hoch, kleinere Händler haben zu wenig Spielraum. Gleichzeitig hat sich auch das Freizeitverhalten verändert. Viele Innenstädte bieten schlicht keinen zwingenden Grund mehr, dorthin zu gehen - die Verengung auf Konsum funktioniert nicht mehr.
Historisch war die Innenstadt auch nie nur Einkaufszone. Sie war Markt, Wohnort, Handwerksort, Verwaltungsort, Treffpunkt, Kulturraum. Erst die modernere Kaufhaus- und Filiallogik hat aus vielen Innenstädten ziemlich eindimensionale Konsummaschinen gemacht.
Deshalb hilft es auch wenig, nostalgisch auf das nächste große Kaufhaus, den nächsten Elektromarkt oder die nächste Modekette zu warten. Die alte Einkaufsstraße kommt nicht zurück, nur weil man sie vermisst. Und ein leerstehendes Ladenlokal ist nicht automatisch ein Problem, das nur durch den nächsten Laden gelöst werden kann.
Innenstadt muss wieder ganz neu gedacht werden. Deutlich durchmischter als in der jüngeren Vergangenheit:
Mehr Wohnen. Mehr Dienstleistungen. Mehr Praxen. Mehr Handwerk. Mehr Gastronomie. Mehr Kultur. Mehr Bildung. Mehr kleine Büros. Mehr Co-Working. Mehr Reparatur. Mehr Alltag.
Warum nicht ehemalige Handelsflächen zu Wohnungen, Arztpraxen, Ateliers, Musikschulen, Werkstätten, Kitas, Bürgerbüros oder kleinen Manufakturen umbauen? Warum muss das Erdgeschoss immer nur als Verkaufsfläche gedacht werden? Warum nicht auch als Ort für Dienstleistungen, Begegnung, kommunale Angebote, kleine Produktion oder soziale Infrastruktur? Wenn Menschen wieder in Innenstädten wohnen, dort arbeiten, dort ihre Kinder in die Kita bringen, dort zum Arzt gehen, Pakete abholen, etwas reparieren lassen, essen gehen oder abends noch auf einem Platz sitzen, entsteht auch wieder Leben. Nicht nur zwischen 10 und 18 Uhr. Sondern morgens, mittags, abends, ja auch nachts, wenn man zum Beispiel wieder ein Kino, eine Bühne oder andere Abendnutzung in der Innenstadt ansiedelt.
Dann bessert sich übrigens auch gleich das ganze Stadtbild. Eine Innenstadt, in der Menschen leben, ist fast automatisch sicherer, lebendiger und weniger verwahrlost als eine, die nach Ladenschluss nur noch aus dunklen Schaufenstern und leeren Fußgängerzonen besteht.
Viele Städte warten immer noch auf den einen Investor, den einen Ankermieter, das eine neue Prestigeprojekt. Meines Erachtens ist genau das die falsche Logik. Denn damit macht sich eine Stadt viel zu abhängig. Wenn dieses zentrale Element ausfällt, kippt oft gleich das ganze Umfeld. Stichwort Galeria Kaufhof.
Die Chance der Innenstadt der Zukunft ist, kleinteiliger und gemischter werden. Das zu schaffen, ist eine enorme Herausforderung. Aber es ist auch eine Chance und kann ein Konjunkturprogramm werden, das Deutschland dringend braucht.