Zeit 13/2001
V I R T U E L L E S G E L D
Ein Netz - eine Währung?
Die Hoffnung auf eine Gegenökonomie im Internet hat sich nicht erfüllt
Lorenz Lorenz-Meyer
Das Handy piept. Eine Kurzmitteilung ist eingetroffen: "paybox SMS: Mathias Entenmann will 1,00 DEM senden." Das freundliche Angebot soll mich nötigen, an der neuesten "Revolution" im Zahlungswesen teilzunehmen: dem Geldverkehr über Mobiltelefon. Will ich das Geschenk annehmen, muss ich mich im Internet bei
paybox.de als Teilnehmer registrieren lassen, damit der angewiesene Betrag seinen Weg auf mein Bankkonto findet.
Mehr als 120 000 Personen sind nach Auskunft von Paybox-Chef Mathias Entenmann bis zum Jahreswechsel diesem Ruf gefolgt - oder einfach ihrer Neugier, denn der Gebrauchswert des neuen Zahlungswegs hält sich noch in Grenzen. Die aktuelle Zahl der Teilnehmer und beteiligten Händler will Entenmann nicht preisgeben: "Wir erwarten in der nächsten Zeit starke Konkurrenz, und von der wollen wir uns nicht zu genau in die Karten schauen lassen." Außer im Internet soll das Zahlungsverfahren nach den Vorstellungen des Frankfurter Unternehmens vor allem bei Einzelhändlern eingesetzt werden, die sich keinen Kartenscanner neben die Kasse stellen wollen. Oder im Taxi: Der Kunde gibt dem Fahrer seine Handynummer, der leitet sie mit dem zu zahlenden Preis weiter an die Paybox. Nur Sekunden später klingelt beim Kunden das Handy, und er wird aufgefordert, unter Eingabe einer besonderen Codenummer die Abbuchung zu bestätigen.
Eine Revolution? Geld ist sicher nicht mehr das, was es vor 20, 30 Jahren war. Aber so anders, wie wir zwischenzeitlich einmal dachten, hofften oder fürchteten, ist es denn auch nicht geworden. Nachdem sich bargeldlose Zahlungsverfahren per Girokonto, Scheck- und Kreditkarten eher unspektakulär durchgesetzt hatten, fehlte noch eine verlässliche Zahlungsmethode zwischen einander unbekannten Partnern im Internet, besonders zur Abrechnung kleinerer Geldbeträge. Und vor allem Datenschützer und Netzaktivisten forderten eine Online-Währung, die sich genauso problemlos und anonym handhaben ließe wie Bargeld, ohne gleich verräterische Datenspuren zu hinterlassen.
So entwickelte sich Mitte der neunziger Jahre ein wahrer Online-Payment-Boom, mit kreativen Start-ups, Industrie- und Finanzkonsortien, Regierungsinitiativen und nahezu monatlichen Tagungen und Kongressen. In ganz Europa schossen ebenso wie in den USA die Projekte wie Pilze aus dem Boden.
Komplizierte Zahlungssysteme werden sich nicht durchsetzen
Ganz im Geist der frühen Internet-Utopien waren einige der ersten Initiativen kühne Entwürfe abseits oder sogar in Opposition zu der immer stärker globalisierten, von wenigen großen Spielern beherrschten Finanzwelt. Mit einem virtuellen Bargeld wollte beispielsweise von Amsterdam aus der Amerikaner David Chaum den Handel im Internet beflügeln. Viele seiner Anhänger versprachen sich von dem neuen Zahlungsmittel eine subversive Gegenökonomie jenseits von Beobachtung und Kontrolle. Chaums E-Cash macht Gebrauch von modernsten kryptografischen Verfahren und gehört, technisch betrachtet, zu den interessantesten Projekten im Internet.
Doch sobald die neue Währung aus der Sandkiste in die reale Welt entlassen wurde, war es vorbei mit dem utopischen Eifer. Weder bei den Kunden noch bei den Händlern kam das allzu komplizierte Verfahren an. Da nützte es auch wenig, dass sich ein so mächtiger Partner wie die Deutsche Bank seiner annahm. Heute führt ecash im Programm des Finanzgiganten ein Schattendasein, und auch die Ankündigung des holländischen Zahlungsdienstleisters Bibit, man wolle künftig gemeinsam mit der Deutschen Bank ein breiteres Händlerportfolio mit ecash bedienen, spricht nicht wirklich für eine Renaissance des einstigen Hoffnungsträgers.
Statt auf E-Cash und Smart Cards setzen die Surfer beim elektronischen Handel weiter auf die bewährten Methoden aus der alten Ökonomie: Rechnung, Nachnahme und Abbuchungsermächtigung. Auch ihre Kreditkartennummern vertrauen sie nach anfänglichem Zögern mehr und mehr dem Internet an. Denn letztlich zählt bei alten wie neuen Abrechnungsverfahren nur eins: Die Sache muss funktionieren. "Man kommt heute immer mehr ab von neuen Lösungen, die von Händlern und Kunden zu viel verlangen", meint der Karlsruher Experte Knud Böhle, der im Dienste der Europäischen Kommission die Fortschritte im elektronischen Zahlungswesen beobachtet. "Zur Entlastung dieser Gruppen setzt man wieder zentrale Server ein, auf denen die Zahlungsabwicklung betrieben wird."
Im Idealfall führt das zu neuen Verfahren von bestechender Einfachheit, wie "click buy" des Kölner Start-ups Firstgate. Mit diesem System können Online-Anbieter endlich realisieren, was sie sich seit Jahren erhoffen: einzelne Teile ihres Angebots ohne großen Aufwand kostenpflichtig zu machen. Geringe Transaktionskosten erlauben niedrige Gebühren, eine präzise Preisgestaltung ist möglich, der Verwaltungsaufwand für Anbieter und Nutzer ist gleichermaßen gering. Man klickt einfach die gewünschten Beiträge an und zahlt am Ende des Monats die angesammelten Gebühren in einem Schwung. Die Stiftung Warentest gehörte zu den Ersten, die mithilfe von Firstgate ihr Online-Archiv zu vermarkten begannen. Auch die renommierte Computerzeitschrift c't adelt click buy mit ihrer Entscheidung für das Verfahren.
"Unser System sieht so einfach aus, weil es im Hintergrund irrsinnig komplex ist", stöhnt der Gründer und Chef von Firstgate, Norbert Stangl. Zwanzig hintereinander geschachtelte Sicherheitsmechanismen seien nötig, um Seriosität und Bonität der Teilnehmer zu gewährleisten. Und selbst dann könne man einen Missbrauch nicht völlig ausschließen. So rechtfertigt Stangl auch die relativ hohen Provisionen von 20 bis 40 Prozent des Umsatzes: Wenn beispielsweise eine Abbuchung zurückgewiesen wird, entstehen dem Unternehmen Kosten in Höhe von bis zu 15 Mark, und in manchen Bereichen sei nahezu jede dritte Abbuchung ein Fehlschlag.
Kein Wunder, dass man bei Firstgate nach einem starken Partner aus der Bankenwelt sucht. Heute gibt es kaum erfolgversprechende Verfahren, die nicht auf die bewährte Infrastruktur und Logistik etablierter Finanzinstitute zurückgreifen. Oder die Anbieter steigen, wenn sie finanzstark genug sind, selbst ins Bankgeschäft ein, wie jüngst der Rendsburger Telekommunikationskonzern MobilCom. Auch die Paybox von Mathias Entenmann sorgt erst einmal nur für die Kommunikation im mobilen Zahlungsverkehr. Die eigentliche Abwicklung übernimmt die Deutsche Bank, die auch 50 Prozent der Aktien des Unternehmens hält.
Und wo bleibt die Anonymität? "Das Thema wird oft überbewertet", lacht einer, der es wissen muss: Thomas Wulff, Geschäftsführer der Beate Uhse New Media GmbH, setzt jährlich an die 50 Millionen Mark im Online-Erotikgeschäft um. Rund 60 Prozent davon kommen über die Einwahl mit teuren 190er-Nummern zustande. Der Rest wird per Kreditkarte oder Lastschrift bezahlt. "Und in Skandinavien verkaufen wir unsere Dienste sogar problemlos auf Rechnung", erzählt Wulff. David Chaum und seine Freunde wird das nicht freuen. Wenn nicht einmal in der Erotikbranche ein Bedarf an anonymen Zahlungsmitteln existiert, herrschen wahrhaft schlechte Bedingungen für die Utopien von Datenschutz und Gegenökonomie.