Wie dem rechten Gegrunze vom Kulturmarxismus Vorschub geleistet wird:
Beim Konzept des Kulturmarxismus (KulMa) handelt es sich nach vorherrschender Lesart um eine Verschwörungstheorie, die aber wie viele Mythen an nicht ganz falsche Beobachtungen anknüpft. Als Kampfbegriff der »Alt Right«, den sich auch europäische Rechte zu eigen gemacht haben, unterstellt der Begriff einen von der Linken ausgehenden Komplott gegen konservative oder liberale Werte durch die Kaperung des Bildungs-, Medien- und Kulturbetriebs. An den Anfang dieser Erzählung stellt man die Frankfurter Schule, deren in die USA emigrierten Größen die amerikanischen Hirne infiziert und damit den Weg für die sogenannte Lifestyle-Linke geebnet hätten.
Gleichwohl wurde der Begriff bereits im akademischen Kontext verwendet, noch bevor er eine konspirationistische Schlagseite erhielt. Hier war er aber ganz anders gemeint: als materialistischer Zugang für ein analytisches Verständnis sozialer Kulturen. Und hier wird es unterhaltsam: Denn Aspekte des KulMa alter Lesart tauchen heute bei Akteuren auf, die sich kritisch mit Phänomenen befassen, die dem KulMa neuer Lesart zugeordnet werden. Zum Beispiel in Debattensträngen, die sich mit der bemerkenswerten Diskursmacht woker Konzepte befassen – und von Neolinken pauschal in die verschwörungstheoretische Ecke gestellt werden. Für Letzteres genügen ihnen schon ein paar Schlagworte, z.B. die Rede von einer »kleinen, machtvollen Elite«, die den Diskurs gegen den Willen der Bevölkerung steuern wolle.
Was hier in den Worten des Kleingeistkünstlers Dieter Nuhr ausgedrückt ist, steht durchaus mit einem Fuß bereits im Konspirationistischen, hat aber dennoch ein Standbein in der materiellen Realität. Denn dass bestimmte sozio-politische Typen heute überproportional die Professionen bevölkern, die den öffentlichen Diskurs strukturieren und prägen, ist ebenso eine Tatsache wie der Umstand, dass diese sich aus privilegierten Milieus zusammensetzen, die ihren minoritären Habitus der majoritären Gesellschaft angedeihen lassen. Dafür braucht es jedoch keine Steuerungs- und Manipulationsabsichten, wie Nuhrs rechtes Bein andeutet; das erfolgt eben vielmehr organisch über die Mechanismen der Normdiffusion, die im Nexus zwischen der sozialen Zusammensetzung von Institutionen und ihrer epistemischen Ordnung aktiv sind. Wir werden dieses Problem an anderer Stelle noch vertiefen.
Hier soll jedenfalls erstmal festgestellt sein, dass die Beobachtung einer Kristina Schröder, es sei hier eine kleine Minderheit im Besitz der »kulturellen Produktionsmittel« keineswegs verschwörungstheoretisch ist. Im Gegenteil: Damit lässt sich ein Stück weit das Puzzle erklären, warum Konzepte, denen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit Abneigung begegnet, so durchdringend und z.T. dominant im öffentlichen Diskurs sein können. Und mehr noch: Es ist ja gerade die neolinke Negation solcher Erklärungen, die dazu beiträgt, dass viele Menschen, für die jene Konzepte im Alltag keine Rolle spielen, sie aber zunehmend »von oben« aufgehalst bekommen, sich diese Diskrepanz nur verschwörungstheoretisch erklären können.
Dass die konservative Schröder damit mehr materialistisches Verständnis aufweist als die Neolinke, also näher beim KulMa alter Lesart steht, ist bezeichnend für den Zerfall des linken Diskurses, der sich immer mehr von seinen theoretischen basics entfernt. Man denke hier nur an Antonio Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie, das auf die normative Durchdringung der Gesellschaft im Sinne dominanter Gruppen abstellt.
Zwar rekurrieren Linke gerne darauf, um etwa die Wirkmächtigkeit von Heteronormativität zu erklären, die sich in subtilen Alltagspraxen entfalte. Doch einer Anwendung derselben Analyseinstrumente auf jene Räume, die sie selbst aus privilegierter Stellung heraus dominiert, verweigert sie sich beharrlich. Hinweise auf solche kulturellen Hegemonien gelten ihr dann als Verschwörungstheorien oder werden gar selbst verschwörungstheorisch als Komplott finsterer Mächte ausgedeutet, zum Beispiel wenn sie die wachsende Kritik von sogenannten TERFs am Einfluss queerpolitischer Normen als Teil einer internationalen von Putin, Orbán & Co. finanzierten Kampagne zum Maintreaming rechtsextremer Ideologie verschwurbeln.
{Siehe
soziale-republik.org, Kapitel VII, Fn. 42}
Siehe dazu auch: Michael Minnicino, »New Dark Age. The Frankfurt School and ›Political Correctness‹«, in: Fidelio Magazine: Journal of Poetry, Science, and Statecraft, Nr. 1, Jg. 1 (1992), S. 4–27; Jérôme Jamin, »Cultural Marxism. A Survey«, in: Religion Compass, Nr. 1–2, Jg. 12 (2018), S. 1–12; sowie Gundula Ludwig, »From the Heterosexual Matrix to Heteronormative Hegemony. Initiating a Dialogue between Judith Butler and Antonio Gramsci about Queer Theory and Politics«, in: Maria do Mar Castro Varela et al. (Hg.), Hegemony and Heteronormativity. Re-Visiting »the Political« in Queer Politics (Aldershot: Ashgate, 2011), S. 43–62.